Von Marianne Kesting

Von Stéphane Mallarmé stammt der Satz: "Alles auf der Welt existiert nur, um in ein Buch zu münden." Er hat ihn zu seinen Lebzeiten mehrfach wiederholt, was bei einem Mann, der äußerst sparsam, ja asketisch mit dem Wort umging, darauf hindeutet, welche grundsätzliche Bedeutung er ihm beimaß. Tatsächlich zeichnet sich in diesem Satz nichts weniger ab als eine Verkehrung des gewöhnlichen Literaturverständnisses. Er besagt, daß die Literatur keineswegs dazu da sei, die Welt zu beschreiben, sondern umgekehrt die Welt nur Bedeutung habe als Material für die Literatur. Die Literatur hat also Vorrang vor der Realität, ist eine Realität für sich.

Angesichts der Situation der Literatur, die im Getriebe der modernen industriellen Gesellschaft eher die utopische Gegenposition vertritt und als aktive gesellschaftliche Einwirkungskraft in Frage steht, mutet Mallarmés Behauptung anmaßend und abstrus an. Indes, sie war eine Reaktion gerade auf die industrielle Gesellschaft, die sich jenseits der literarischen Beschreibbarkeit entwickelt und ihre Schwerpunkte in den Naturwissenschaften und in der Technik hat. Offenbar bewog gerade dies die Literatur, sich auf sich selber zu besinnen und, da sie sich gewissermaßen aus dem Industrialisierungsprozeß ausgeklammert sah, sich für autonom zu erklären.

Ihre weitere Entwicklung, schon bei Mallarme, bewies natürlich, daß sie keineswegs autonom war, sondern in weitestem Sinne mit vollzieht, was sich an Entwicklungen und geistigen Konsequenzen in der technischen Gesellschaft abspielt, deren distanziertes Echo sie zugleich ist. Die Proklamation der Autonomie bedeutete nichts anderes als die Abwanderung in die Abstraktion, die sich schließlich zur gleichen Zeit auch in den anderen Künsten abspielte.

Abstraktion heißt in der Literatur, daß die Sprache aus der Abschilderungsfunktion emigriert. Die Realität bietet das Material für das Sprachkunstwerk. Zugleich trennt sich die literarische Sprache von der Alltagssprache. Auch dies vollzog sich schon bei Mallarmé, der konstatierte, daß es zwei Sprachen gäbe, eine "zufällige" und eine "wesentliche". Als die zufällige betrachtete er die zunehmend bedeutungsentleerte Alltagssprache, als die wesentliche die der Dichtung, die sich des alltäglichen Sprachmaterials in neuer Bedeutung bedienen kann. Innerhalb einer entfremdeten Welt schafft die Literatur eine Welt fiktiver Bedeutungen, die allerdings, so meinte Mallarmé in weiser Selbstbescheidung, nicht über den Horizont der Literatur hinausdringe.

Wenn man den Vorgang insgesamt interpretieren will, so kommt man nicht umhin zu konstatieren, daß mit solchen Prämissen die Literatur innerhalb einer totalitär werdenden, alles mit ihrer Struktur überziehenden technischen Gesellschaft ebenfalls eine totalitäre Position einnimmt. Sie behauptete von sich, allumfassend zu sein, nicht nur den Kosmos der anderen Künste mit einbeziehen, sondern sich auch alle anderen Realitäten anverwandeln zu können.

Wie heute überschaubar wird, hatte Mallarmé bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die ästhetischen Grundlagen für das geschaffen, was man heute, einen Begriff von Gomringer benutzend, "Konkrete Poesie" nennt, ein Terminus, der auch für die Dichtungen und Sprachexperimente der Wiener Schule gelten kann. Diese abstrakte Dichtung nennt sich "konkret", weil sie ihr eigenes Material, die Sprache, als ein Konkretum neben der Welt der Erscheinung empfindet.