Von Hansjakob Stehle

Der streng erhobene Finger der Moskauer Prawda galt nicht nur dem Ostexperten des italienischen kommunistischen Parteiorgans Unitá, sondern allen unbequemen Freunden, die den oft blinden Eifer dämpfen möchten, in den sich die Sowjetunion angesichts all ihrer Bedrängnisse zu verrennen droht. Zum Wochenbeginn tadelte das Moskauer Blatt: "Es ist häßlich, Genosse Boffa, die Prinzipien des proletarischen Internationalismus zu vergessen, die allen Revolutionären vorschreiben, vereint und entschieden einzugreifen, wo und wann immer sich am Horizont eine Bedrohung abzeichnet, sei es in der Tschechoslowakei..., sei es im Gebiet der Insel Damanski am Ussuri..."

Tatsächlich hatte Boffa, Mitglied des Zentralkomitees seiner Partei, in einem Bericht aus Moskau deutliche Zweifel an solcher Betrachtungsweise angemeldet und sich auf den spanischen KP-Chef Carillo berufen, der kürzlich erklärt hatte: Seit die Sowjetunion nicht mehr von feindlichen Ländern eingekreist sei, könne sie nicht mehr mit der bedingungslosen Unterstützung aller Parteien rechnen, wenn sie in Konflikte mit anderen sozialistischen Staaten gerät...

Kaum irgendwo bekommt die Sowjetunion dies empfindlicher zu spüren als auf dem Balkan, wo seit dem 21. August letzten Jahres eine Nervosität um sich greift, die sich an jedem – selbst dem nichtigsten – Anlaß neu entzündet. So wollte es das Mißgeschick, daß die bulgarische Nachrichtenagentur BTA am 11. April gerade das dementieren mußte, was die sowjetische "Prawda" drei Tage später dem ketzerischen italienischen Genossen so heftig ins Gedächtnis rief: Es sei "extrem falsch und tendenziös entstellt", ließ BTA verlauten, wenn österreichische Journalisten am 9. April von ihrem Gespräch mit dem bulgarischen Außenminister Baschew in Sofia berichteten, der Minister habe die Lage an der sowjetisch-chinesischen Grenze mit der Situation in der ČSSR im August 1968 verglichen und von der Möglichkeit einer militärischen Kollektivaktion gegen China, aber auch gegen andere sozialistische Länder gesprochen.

Tatsächlich lag da ein Mißverständnis vor. Baschew, der sich zuvor vor dem bulgarischen Parlament sehr maßvoll geäußert hatte, dürfte sich vor einer so unverblümten Drohung schon deshalb gehütet haben, weil ihm gewiß nichts daran lag, das Klima für den Österreich-Besuch seines Regierungs- und Parteichefs Schiwkoff zu verschlechtern.

Schiwkoff unternahm denn auch während seines Fünf-Tage-Aufenthalts in Wien alles, um diesen ersten westlichen Stimmungstest eines führenden Politikers aus dem Kreise der fünf Interventionsmächte zu einer Werbeaktion guten Willens zu machen. Ohne Polemik, verbindlich nach allen Seiten, sogar gegenüber Jugoslawien und Albanien, versuchte er, den neutralen Boden seines Gastlandes für erste Schritte auf dem Wege zu einer europäischen Sicherheitskonferenz zu ebnen.

Sogar die Beteiligung Amerikas an einer solchen Konferenz, schloß Schiwkoff nicht aus – ähnlich wie sein Nachbar, der rumänische Parteichef Ceausescu, der zur gleichen Zeit dem schwedischen Regierungschef Erlander in Bukarest bedeutete, die Neutralen hätten bei einer solchen Konferenz ebensoviel zu sagen wie alle Großmächte.