Von Peter Reddaway

Dieser Tage soll in Riga der Prozeß gegen den Bauern Iwan Jachimowitsch beginnen. Von den lettischen Behörden wird er beschuldigt, "bewußt falsche, verleumderische Informationen über die politische und soziale Ordnung der Sowjetunion verbreitet zu haben". Seine Verteidigung hat eine Moskauer Anwältin übernommen, die sich schon in ähnlichen Verfahren als integer erwiesen hat: Olga Kallistratowa.

Jachimowitsch, 38 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei jungen Kindern, wurde im letzten Frühjahr aus der Kommunistischen Partei ausgestoßen und verlor auch seinen Posten als Leiter einer Kolchose, nachdem er sich kritisch über den Prozeß gegen die Schriftsteller Galanskow und Ginsburg geäußert hatte. Zusammen mit General Grigorenko, der sich bei vielen Protestkundgebungen hervortat, und zwei anderen verfaßte er dann im Juli einen Brief an die Tschechen, in dem er sie davor warnte, daß der Kreml seine bewaffnete Macht gegen ihr Land einsetzen könnte. Und danach unterstützte er Pawel Litwinow und Larissa Daniel in ihrem Protest gegen die Intervention.

Verhaftet wurde Jachimowitsch aber erst am 25. März, nach Abschluß des Untersuchungsverfahrens, das schon Ende Dezember eingeleitet worden war. Dieses für politische Prozesse außergewöhnliche Vorgehen und die auffällige Eile, mit der man diesen Fall vor Gericht bringen will, legen den Verdacht nahe, daß man ein Urteil fällen will, noch ehe Jachimowitsch’ Freunde zu seiner Verteidigung herbeieilen und noch ehe Vertreter der Auslandspresse und Beobachter von Organisationen wie "Amnesty International" nach Riga reisen können.

Die Namen aus den bekannten politischen Prozessen der letzten Jahre wie Brodskij, Sinjawskij und Daniel, Chaustow, Bukowskij, Tschornowil, Galanskow und Ginsburg, Martschenko, Litwinow und Larissa Daniel, Beligorodskaja, Kwatschewskij und Gendler – sie sind gleichsam nur die sichtbare Spitze eines gewaltigen Eisberges. Unterhalb des Meeresspiegels, nur dem geübten Auge noch wahrnehmbar, sieht man gerade noch an die tausend Ukrainer, Baptisten und Krimtartaren. Neun Zehntel des Eisberges sind untergetaucht. Wie es diesen vielen Menschen ergangen ist, kann man normalerweise nur aus dem umfangreichen Beweismaterial folgern, das aus den sowjetischen Sträflingskolonien vorliegt; in jeder der rund hundert Provinzen des Landes gibt es anscheinend eine beträchtliche Zahl solcher Kolonien.

Jachimowitsch gehört zur sichtbaren Spitze des Eisberges, obwohl die westliche Presse nur sehr oberflächlich die vielen Untergrunddokumente ausgewertet hat, die im letzten Jahr aus der Sowjetunion herausgeschmuggelt wurden und in denen Jachimowitsch, ein enger Freund General Grigorenkos, als eine bedeutende Persönlichkeit erscheint. Das Außergewöhnliche an ihm ist, daß er aus der Provinz kommt, in Lettland geboren wurde und in einer Kolchose Karriere gemacht hat. Noch 1964 lobte ihn die Komsomolskaja Prawda als einen "harten Arbeiter, einen ehrlichen und anständigen Mann, der sich mehr um den Kolchoshof kümmert als um sich selbst". Sie druckte Auszüge aus seinem Tagebuch ab, um ihn der sowjetischen Jugend als Vorbild hinzustellen.

Vier Jahre später jedoch, in der rauheren Luft des Regimes von Breschnjew und Kossygin, hat Jachimowitsch seine Ansichten, wenn auch nicht seine Ideologie geändert. Hatte er vorher auf der lokalen Ebene Schlendrian und Korruption bekämpft, so erkannte er nun, beim Prozeß gegen Galanskow und Ginsburg, daß alles Übel von der Spitze ausging. Bereits im Februar 1968 schrieb er einen leidenschaftlichen Brief an den ZK-Sekretär Suslow. Er berief sich auf Lenin, Togliatti und auf die UN-Charta der Menschenrechte und verdammte den Prozeß, "weil er unserer Partei und der Sache des Kommunismus schweren Schaden zufügt". "Die Untergrundliteratur", schrieb er, "läßt sich nur beseitigen, indem man die demokratischen Grundrechte entwickelt, statt sie zu verletzen, indem man die Artikel der Verfassung beachtet, statt gegen sie zu verstoßen, indem man die Charta der Menschenrechte anwendet, statt sie zu ignorieren."