Von Dieter Korp

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich auf der Autobahn Platz zu machen: Auf Handtuchlänge auffahren, volles Licht und Hupkonzert oder ganz schlicht rechts überholen. In beiden Fällen sollte man sicher sein, daß man den Führerschein für den Rest des Jahres nicht mehr braucht.

Man kann sich aber auch einen Ferrari kaufen, beispielsweise eines der neuen Modelle, den Typ 365 GT 2 + 2. Vorderleute, die den flachen Bug dieses 4,4-Liter-320-PS-Vollbluts im Rückspiegel entdecken, machen bereitwillig Platz. Ich fuhr den Wagen auf belebter Strecke zwischen Düsseldorf und Köln und hatte wenig Schwierigkeiten, Raum zu gewinnen. Diesen Gewinn muß man freilich, mit 64 450 Mark bezahlen, nicht gerechnet die Mehrwertsteuer.

Enzo Ferrari, Firmenchef und schon bei Lebzeiten legendäre Gestalt in den Kreisen der einschlägigen Vollblutzüchter, hat mit seinem neuen Wagen Begeisterung und Befremden ausgelöst. Begeisterung bei jenen, die auch bei einem temperamentvollen, exklusiven Sportwagen Komfort erwarten, und Befremden bei jenen, die sich einen Ferrari nicht mit Servolenkung vorstellen können. Aber die wahren Enthusiasten haben meist nicht das Geld, einen solchen Luxus-Renner aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Der Commendatore Ferrari hat sich denn auch mit wachem Blick an jene Leute gewandt, die seine Autos tatsächlich auch kaufen können, und in diesen Finanzkreisen ist man ja schon zugänglicher für den Komfort geworden.

Kein Zweifel, das ist der erste Ferrari mit einer Hilfskraftlenkung, so wie man sie zuerst bei amerikanischen Straßenkreuzern anpries. Aber so gefühllos und kontaktarm wie bei diesen Amerikanern oder auch schon bei manchen europäischen Limousinen ist die neue Ferrari-Lenkung nicht. Man spürt noch die Straße und behält das Gefühl für Geschwindigkeit. Der schnelle Geradeauslauf und auch das Kurvenverhalten sind ausgezeichnet.

In der Stadt würde man dem Wagen eine zu schwergängige Lenkung übel ankreiden, denn der Wendekreisdurchmesser ist mit 14 Meter ein bißchen groß geraten. Man müßte mühsam kurbeln. Mit dem schweren Motor auf der Vorderachse und den superbreiten Reifen ist die Servolenkung tatsächlich eine gute Hilfe. Dieses flache, maximal 245 Stundenkilometer schnelle Geschoß wiegt immerhin rund 1500 kg, soviel etwa wie eine 2,8-Liter-Limousine von Daimler-Benz.

So ist also heute der Lauf der Dinge: Limousinen werden sportlicher, und Sportwagen werden fast schon zu Limousinen. Zwar ist die Abstammung des Ferrari immer noch unverkennbar sportlich, aber außer der jetzt auch für Damenhände geeigneten Lenkung entdeckt man auch ein leicht erhöhtes Heck, das einen vergrößerten Kofferraum enthält, und zwei zusätzliche hintere Sitze, die mehr als nur Notsitze sind. So möchte man es heute haben.