Als ich das Schwarzwaldstädtchen St. Blasien nach einem Dutzend Jahren wiedersah, entdeckte ich ein paar neue Häuser (natürlich auch das "Eurotel"), aber sonst hatte sich nicht viel geändert. Selbst der Putz kam mir an manchen Fassaden vertraut vor. Der äußere Eindruck mangelnder Wirtschaftskraft wird durch die S:atistik erhärtet: Während die heilklimatischen Kurorte, von Schwankungen abgesehen, ihre Übernachtungszahlen gesteigert haben, ist die Kurve in St. Blasien gesunken: von 375 000 Übernachtungen im Jahr 1958 auf 328 000 im vorigen Jahr.

Der Rückgang der Übernachtungszahl ist nur die halbe Wahrheit; die Zahl der Gäste hat nämlich gar nicht abgenommen – im Gegenteil. Wenn man differenziert, stellt sich heraus, daß sich die Kurve der Übernachtungszahlen allein durch den Rückgang in Sanatorien und Kuranstalten neigt. St. Blasien leidet an seinem guten Ruf als Lungenkurort. 1881 eröffnete hier ein Schweizer Arzt das erste Sanatorium. Damals waren bereits die günstigen klimatischen Verhältnisse bekannt, die das Freiburger Wetteramt neuerdings in nicht weniger als 44 positive Schonund Reizfaktoren zergliedert hat.Die wichtigsten: reine Luft, geringe Luftfeuchtigkeit, fast nebelfrei, viel, doch nicht zu viel Sonne, keine starke Schwüle, im Winter viel Schnee.

Die Lungentuberkulose, die in zwei großen Sanatorien und vielen kleineren Kuranstalten ausgeheilt wird, schreckte jedoch – mit zunehmender Aufklärung über Infektionsgefahren und steigender Angst davor – andere Gäste ab. Zuerst blieben immer mehr Sommerfrischler fort, und seit einigen Jahren auch die Tbc-Kranken – seit die Lungentuberkulose dank veränderter Umweltbedingungen ihre Schrecken verloren hat. Die Sanatorien sind längst nicht mehr nur von Lungenkranken belegt.

In St. Blasien hat man sich jedoch zur rechten Zeit auf die Erfolge des Kurorts in der Gesundheitsvorsorge besonnen. Man hat sich nicht damit begnügt, einen Brunnen auszuschenken, die Nürtinger Heinrichsquelle. Und man verspricht sich auch keine Wunderdinge von dem eigenen Wasservorkommen, dessen Radiumgehalt zur Anerkennung St. Blasiens als Bad nicht ausreicht. Eher verläßt man sich auf das Wasser in seiner Anwendung gemäß den Lehren des Pfarrers Kneipp. Seit 1965 ist St. Blasien als Kneippkurort anerkannt. In einem Haus wird gerade mit beträchtlichem Aufwand die dritte Bäderabteilung eingerichtet. An dieser privaten Investition zeigt sich am deutlichsten die Entschlossenheit, den Lungenkurort neue Indikationen zu erschließet. Im städtischen Sanatorium, dem Fürst-Gerbert-Haus, sollen die Tbc-Patienten eines Tages in einen Neubau mit 40 Betten umquartiert werden, während der Hauptbau ausschließlich Kreislaufkranke aufnehmen soll. Außer Herz-, Gefäß- und Bluterkrankungen will man auch Nervenleiden behandeln – eine Kombination, die unter dem Gesichtspunkt der psychosomatischen Medizin sinnvoll ist. Das Stichwort ist gefallen: Der Bürgermeister und Kurdirektor plant eine Psychosomatische Klinik wie Gengenbach im Schwarzwald, meint jedoch, daß das medizinische Personal dafür gegenwärtig noch im Hörsaal sitzt. Bei diesen Vorstellungen gehen Kurverwaltung und ortsansässige Mediziner von dem Bedarf unserer Zeit und leider wohl auch der Zukunft aus, vom Krankheitsbild der vegetativen Dystonie.

Im Städtchen gibt es keine Gesundheitskasernen. Der Patient kann sich als Urlauber fühlen, und der Urlauber braucht sich nicht als Patient zu fühlen. Es fehlt jene penetrante Atmosphäre, in der ein leidlich gesunder Mensch zum Hypochonder werden kann. Der Patient wandert, vielleicht benützt er dabei die Wegekarte für die Terrainkur. Das etwa 100 Kilometer lange Wegenetz, von dem im Winter ein Teil geräumt ist, gestattet unterschiedliche Belastungen. Die Wanderwege sind keine erweiterten Kurpromenaden. Die Umgebung ist wenig besiedelt. Südlich von St. Blasien geht der Hochschwarzwald in den Hotzenwald über. Geplant ist bis zum nächsten Winter der Bau eines Skilifts, um eine weitere therapeutische Möglichkeit zu nutzen. Der Klinikgeruch früherer Jahrzehnte soll vertrieben werden.

Vor drei Jahren wurde in St. Blasien ein "Eurotel" eröffnet. Dieses bis zu neun Stockwerken hohe Haus mit 250 Betten gibt dem biederen Kurort das Air eines weltweiten Tourismus. Das Riesenhaus besitzt ein Hallenschwimmbad, eine erstklassige Küche und behagliche Appartements. In der Taverne wurde eine Diskothek eingerichtet.

Die komplette Bäderabteilung des "Eurotels" ist eine Bereicherung für St. Blasien. Sie läßt den Bau eines Kurmittelhauses weniger dringlich – erscheinen als den Bau eines Kurhauses. Eine Bäderabteilung gibt es auch im Kur- und Kneipphotel "Bellevue".