Berlin

Warum der Kläger so ist, wird ganz nicht zu klären sein, der Kläger ist Transvestit. In einer Gesellschaft, die uneheliche Geburt noch immer als Makel ansieht, mag der Wunsch nach Verwandlung ein naheliegender Ausweg sein. Der Kläger, jetzt 26jährig, ist unehelich geboren, seit seinem 8. Lebensjahr zeigt er den Drang, Mädchen zu sein und Mädchenkleider zu tragen. Die gesellschaftliche Absonderung, bis dahin nur stillschweigend, bekam einen rational erkennbaren Anlaß. Der Kläger, als sein Drang ihm bewußt wurde, nahm ihn nicht widerspruchslos hin. Da gesellschaftliche Korrektur nicht möglich war, suchte er die medizinische: das inzwischen vielfach verschlüsselte Problem wurde als Krankheit erkannt. Jedoch, die Wissenschaft von Körper und Seele diagnostizierte einen schon unauflösbar gebundenen Knoten. Jede bekannte Behandlung versagte. Der Kläger, wie immer er das, was er war, geworden war: er war es unwiderruflich.

Die Ärzte rieten, er möge seinen Trieb nicht länger bekämpfen, sondern ihm folgen. Sie empfahlen, einen weiblichen Beruf zu ergreifen. Indes die Gesellschaft, die solche Verformung ermöglicht, fingiert zugleich deren Nichtexistenz. Ihre Zettelkästen nehmen Fälle wie den des Klägers nicht auf. Die gerecht und billig Denkenden bestehen auf lebenslänglicher Isolation.

Äußerlich ein Mann

Der Kläger, er wollte sein Anderssein radikal akzeptieren, folgte ärztlichem Rat. 1961, gerade 18jährig, fährt er ohne Wissen der Mutter nach England. Er nennt sich Cornelia und nimmt eine Stellung als Hausmädchen an. Ein halbes Jahr arbeitet er zur Zufriedenheit der englischen Familie. Er scheitert am englischen Fremdenrecht. Eine Behörde entdeckt, daß eine Arbeitserlaubnis fehlt, sie erwirkt Verurteilung zu vier Wochen Haft. Im Frauengefängnis, bei der Aufnahmeuntersuchung, wird erkannt, daß Cornelia, nimmt man es äußerlich, ein Mann ist. Der erste Versuch zur Integration scheitert.

Nach der Entlassung, 1962, bewirbt sich der Kläger auf Anzeige einer Schweizer Familie erneut als Hausgehilfin. Er erfindet einen neuen weiblichen Namen und erhält die Stellung. Unsicher gemacht, fast mit dem Zug zur Selbstentlarvung (denn warum soll, was er ist, nicht offenbar sein?) unterläuft ihm ein Fehler. Die Familie quittiert einen Bagatelldiebstahl mit Strafanzeige, ein Jugendschöffengericht verurteilt den wiederum als Mann ausgemachten Kläger zu Jugendarrest. Die Gesellschaft erhält einen neuen Grund zur Isolierung des Uwe Cornelius A.

Wieder bestätigen Ärzte, er sei, obwohl äußerlich männlich, seelisch aus unbeherrschbarem Drang Transvestit. Als Ausdruck einer abnormen Sexualtriebrichtung, so schreiben die Ärzte, unterliege der Kläger einer "unüberwindlichen Neigung, weibliche Kleidung zu tragen". Die Unterdrückung dieser Neigung lasse seelische Störungen befürchten, es müsse dringend empfohlen werden, "nicht weiter gegen den Trieb anzugehen". Der Kläger solle einen weiblichen Beruf ausüben, "bei dem dies in Übereinkunft mit der Umgebung" möglich sei. Der Kläger, er will nicht Versteck spielen, bittet die Gesellschaft um die ärztlich empfohlene "Übereinkunft". Beim Landkreis Einbeck beantragt er, einen weiblichen Vornamen führen zu dürfen; später bittet er "hilfsweise", seinem Vornamen zumindest den Namen "Maria" beifügen zu lassen.