Nach zwei Jahren Diktatur in Griechenland verfügen wir nur über ein paar Bücher historisch-politischer Analyse, aber dieses Wenige enthält genügend Information und Exemplarisches, um deutschen Lesern Fragen nach der Zukunft von Demokratie schlechthin aufzudrängen. Erschreckend bleibt das relativ geringe Käuferinteresse, als ob Griechenland nicht vor unserer Tür läge. Bedrängend, je mehr Details bekannt werden, die Erkenntnis, wie stark die Verquickung amerikanischer und griechischer Politik war und ist. Ihre Veröffentlichung mag mit ein Grund sein für die noch anhaltende Unsicherheit Nixonscher Griechenlandpolitik und entsprechende Nervosität der Regierung Papadopoulos. Seit Januar 1969 ist der Posten des US-Botschafters in Athen vakant, weil das Problem nicht gelöst wurde, bei wem er akkreditiert werden soll: beim König außer Landes, Konstantin II., oder bei dem 1967 verfassungswidrig inthronisierten Vizekönig Zoitakis.

Jean Meynauds, des vor einem Jahr an dieser – Stelle zu Recht gelobten besten Analytikers der griechischen Periode 1946/64, Bericht über die Abschaffung der Demokratie in Griechenland erscheint in deutscher Übersetzung soeben im Verlag Klaus Wagenbach. Das gegenwärtig aktuellste Und nuancenreichste Informationsbuch

"Zum Beispiel Griechenland"; hersg. von Heinz Gstrein; Delp’sche Verlagsbuchhandlung, München 1969, 172 Seiten, 12,– DM

enthält neben anderem sechs Beiträge von zwangsläufig anonym bleibenden Autoren des griechischen demokratischen Widerstands und der inneren Emigration, darunter ein Sozialdemokrat, ein Monarchist, ein entlassener Stabsoffizier und ein Wirtschaftsexperte. Der Herausgeber ist Korrespondent des "Rheinischen Merkur" und neuerlich Mitarbeiter des "Bayern-Kurier", eines Blattes, das damit überraschend seiner früheren Pro-Junta-Linie untreu wurde. Gstreins Berichte wurden mit der Zeit immer kritischer und entschiedener; im November 1968 wurde er in Athen auf offener Straße verhaftet, geschlagen und verhört; dieses kämpferische Buch mit ausgezeichnetem Sachanhang und einem enthüllenden "Kleinen Athener Pressespiegel" bringt ihn in Gefahr, nach Eva Goetz und Baldur Bockhoff als dritter deutscher Journalist um der Wahrheit willen ausgewiesen zu werden, trotz des relativ regimefreundlichen, aber nicht unsachlichen außenpolitischen Beitrags von Georg Mergl in diesem Buch.

Neun im Exil lebende griechische Wissenschaftler, Publizisten und Politiker vermitteln aus unterschiedlicher, aber durchgehend linker Sicht "selbständige Interpretationsversuche der griechischen Misere":

"Die verhinderte Demokratie: Modell Griechenland"; hersg. von Marios Nikolinakos und Kostas Nikolaou; edition suhrkamp 302, Frankfurt/M., 1969; 183 Seiten, 3,– DM

Neben gewissen Tabuierungen des Kommunismus ("Nach dem Zweiten Weltkrieg mißglückte der Versuch der arbeitenden Klassen, die im Widerstand während des Krieges selbstbewußt geworden waren, an die Macht zu kommen", Nikolinakos) stehen erschütternde Dokumente stalinistischer "Realpolitik" in Papoulias’ "Brevier griechischer Résistancegeschichte". Wichtig vor allem die starken sozialhistorischen und soziologischen Aspekte, der Hinweis auf die neoliberale Politik der Zentrumsunion. Als Beispiel sei erwähnt die religionssoziologische Untersuchung von Savramis über den "Abenteuerkapitalismus des orthodoxen Menschen" und den Mangel an Sozialethik und -lehre der Orthodoxie ohne die Fähigkeit zu systematischer christlicher sozialer Aktion. Schlüssig der verfassungsrechtliche Beitrag von Basil Mathiopoulos über die Umstände der "gefesselten Demokratie" vor dem Putsch am 21. April 1967 – eine Widerlegung der These, Demokratie bedeute einfach Rückkehr vor dieses Datum. Und der für Amerika so peinliche Hinweis von Jannopoulos: die "Errichtung einer neuen Bananenrepublik" in Europa.