In den vergangenen Jahren konnte der Besucher von Helsinki zuweilen kurz nach 23 Uhr mitten im Hafen ein eindrucksvolles Bild sehen: zur gleichen Minute lösten sich zwei große, weiße, hell erleuchtete Schiffe von ihren Kais und steuerten lautlos in Richtung See. An der Durchfahrt zwischen den Felsen der Festung Suomenlinna oder Sveaborg, die vor dem Hafen liegt, konnte es dabei so aussehen, als ob es ein Gedränge geben werde, denn die beiden schönen Schiffe steuerten die enge Passage aus verschiedenen Richtungen an, so daß man nicht Vorhersagen konnte, wer als erster Suomenlinna passieren und das freie Meer, hier: den freien finnischen Meerbusen, erreichen. werde. Aber stets arrangierte man sich. Das Bild bekam immer einen harmonischen Abschluß, beide Schiffe fuhren mit langsamer Fahrt hintereinander hinaus und verschwanden wie Geschwister, die nicht voneinander lassen wollen, im Dunkel.

So schön das aussah, die Harmonie war nur eine optische. Hinter der Idylle stand harte wirtschaftliche Wirklichkeit, die manchem Kenner der Sache allerdings recht unwirtschaftlich erschien. Die Sache war nämlich die, daß es sich bei den beiden Schiffen um Konkurrenten handelte, die nicht nur zur selben Minute abfuhren, sondern auch dasselbe Ziel hatten: Lübeck. Und die Sache wurde dadurch nicht besser, daß beide Schiffe zu den größten Fährschiffen der Ostsee gehören und dieselbe Flagge führen, die finnische. Ihre Namen: "Finlandia" und "Finnhansa".

Die "Finlandia" ist 8168 BRT groß, 1967 gebaut und hat 680 Betten. Reederei ist die "Finska", seit vielen Jahrzehnten in deutschen Häfen wohlbekannt und beliebt. "Finnhansa" ist 7481 BRT groß, 1966 gebaut, hat 300 Betten und Platz für tausend Deckspassagiere. Reederei sind die "Finnlines", die einen erfolgreichen Frachtdienst Finnland – USA via Hamburg aufgebaut haben und 1962 die erste ganzjährige Fährlinie Finnland-Deutschland einrichteten.

Mancher, der am Nutzen des Fremdenverkehrs zwischen Finnland und dem Kontinent interessiert ist, wünschte sich seit Jahren eine Zusammenarbeit der beiden Reedereien, die 1968 immerhin rund 100 000 Passagiere zwischen Lübeck und Helsinki beförderten. Man wartete so lange auf diese Zusammenarbeit, daß die Hoffnung schwand. Und als diese fast ganz geschwunden war, kam sie, unerwartet und fast unfreiwillig, aber sie kam.

Finnlines, die auf ihrer Linie mit einem weiteren Schiff, der "Finnpartner", fuhren, mußten zur Jahreswende 1968/69 sehr plötzlich alle Planungen für die Zukunft ändern, als der Eigentümer der "Finnpartner", eine Tabakfirma, sein Schiff kurzerhand verkaufte und einer schwedischen Linie zur Verfügung stellte. Ein Ersatz für "Finnpartner" wurde nicht gefunden, dafür aber der Weg zur Konkurrenz.

Nach allerhand sehr geheim gehaltenen Verhandlungen in Helsinki kam es dann heraus: 1969 wird es an der Durchfahrt von Suomenlinna keinen Gänsemarsch mehr geben. Jetzt wird kooperiert.

Die Kooperation sieht so aus: der Fahrplan wird abgestimmt, es werden gemeinsame Fahrkarten ausgegeben, jeder kann für jede Fahrt jedes Schiff wählen, die Rückfahrtermäßigungen bleiben dieselben. In Helsinki gibt es nur noch eine gemeinsame Buchungszentrale, und es wird gemeinsam geworben. Auch einen gemeinsamen Namen hat man gefunden, sogar in vier Sprachen: "Finnlandschiffe – Finlandliners – Östersjöfartygen – Itämerenlaivat. Die Route wird geteilt. "Finlandia" fährt Lübeck/Travemünde – Kopenhagen – Helsinki, "Finnhansa" dagegen Lübeck Stadthafen – Nynäshamn bei Stockholm – Helsinki und im Sommer Lübeck – Bornholm – Gotland – Helsinki.