Auf der Wallstreet flaniert man seit Wochen nur noch hin und her. Bekannte amerikanische Broker und europäische Spezialisten sind ziemlich einhellig der Meinung, daß der Bummel im großen und ganzen weitergehen wird, solange das augenblickliche Dilemma anhält – es sei denn, der Störenfried Vietnam könnte endlich unter Kontrolle gebracht, das Verteidigungsbudget damit um 20 Milliarden Dollar entlastet werden.

Denn das hat die Nixon-Regierung inzwischen klargemacht, mit entschlossener Verknappung des Geld- und Kapitalangebots samt allen unangenehmen Zinsfolgen, mit einem Diskont so hoch wie seit vierzig Jahren nicht mehr, mit Budgeteinsparungen für 1969/70, die den Überschuß auf einen seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehenen Stand von 5,8 Milliarden Dollar bringen sollen: daß es den neuen Herren in Washington bitterernst ist mit ihrem Bemühen, des inflationären Prozesses Herr, zu werden und damit den internationalen Ruf des Dollars entscheidend zu stärken, und zwar mit möglichst marktkonformen, möglichst wenig interventionistischen Methoden.

Gegenüber dieser Entschlossenheit, der das Lob aller um das Schicksal des Weltwährungssystems Besorgter sicher sein sollte, nimmt sich der Einfluß der ebenfalls zu Ostern verkündeten Lockerungsmaßnahmen bescheiden aus. Insbesondere darf die "Zurücknahme" der 1963 verhängten Zinsausgleichsteuer für Auslandsaktienkäufe durch Amerikaner von 18,75 auf 11,25 Prozent nicht überschätzt werden, weder für die europäischen Börsen noch für Wallstreet selbst.

Europas Börsen haben vorläufig eben nicht viel von amerikanischem Kapital zu erwarten, denn die schlechten Anlageerfahrungen der frühen sechziger Jahre sind drüben noch recht lebendig. Man schätzt die Anlagemöglichkeiten im eigenen Lande über die Maßen und hält hohe Barbestände.

In den Kassen der Mutual Funds liegt geradezu eine geballte Ladung bereit: Ende Februar – jüngere Zahlen stehen noch aus – waren 4,8 Milliarden Dollar, also fast 10 Prozent der Fondsvermögen anlagebereit – ein Anteil, der nur im Herbst 1966 in einem bear market, in ausgesprochen schwachen Börsenmonaten, noch übertroffen worden war. Wolfgang Winter