Von Erhard Eppler

Walther Leisler Kiep meint, "die akademischtheoretische Erfassung des Begriffs Entwicklungshilfe" sei nebensächlich.

Das habe ich auch gemeint, als ich vor einem halben Jahr das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit übernahm. Ich habe mich in all die Sachgebiete eingewühlt, die der Kollege Kiep anführt, und in einige dazu: Umschuldungen, Handelshilfe, Kreditkonditionen, Rückflüsse und die Reorganisation des Entwicklungsdienstes.

Aber bald zeigte sich, daß dies weder für konkrete Einzelentscheidungen noch vor allem für die Darstellung der Entwicklungshilfe in der Öffentlichkeit ausreicht. Zum erstenmal – darauf weist auch der Abgeordnete Kiep hin – wird Entwicklungshilfe nicht mehr nur von reaktionären Emotionen, sondern auch von "links" in Frage gestellt. Während die einen fragen, was uns Entwicklungshilfe nütze, fragen die anderen, was sie denen nütze, denen zu helfen wir vorgeben. In diesem Kreuzfeuer entsteht die Gefahr der gespaltenen Zunge: man sagt nach rechts, daß wir im Grunde nur Exportförderung treiben, und nach links – natürlich auch nach außen –, daß wir den Hungernden helfen wollen. Was – apologetisch – nach der einen Seite gesagt wird, benützt die andere als Munition.

Was Entwicklungspolitik ist und will, muß also nach allen Seiten gleich, nach allen Seiten glaubhaft formuliert und exekutiert werden. Es ist keineswegs so, daß das Interesse an der Dritten Welt bei uns nachließe. Nicht einmal nach der Allensbacher Untersuchung vom November 1968 gibt es heute weniger Interesse und Zustimmung als etwa 1963, und wir besitzen sehr viel detailliertere Untersuchungen. Nur sind gerade die engagierten Gruppen (schon etwa 10 Prozent der Bevölkerung) nicht bereit, staatliche Entwicklungshilfe kritiklos zu unterstützen.

Diese engagierten Gruppen im Bereich der Jugend, der Kirchen und der "Intellektuellen" bestimmen zunehmend die öffentliche Diskussion. Walther Leisler Kiep sagte am Schluß seines Artikels: "Die Entwicklungspolitik gibt uns die Chance, der jungen Generation ein weltweites Feld konkreter Mitarbeit aufzuzeigen, bei der es um die Gestaltung der Zukunft und die Sicherung des Friedens der Welt geht." So ist es. Nur bleiben dies für junge Menschen große Worte, wenn wir nicht erstens das, was wir tun, ohne Zwiespältigkeit mit klarem Konzept vertreten und zweitens bereit sind, auf ihre kritischen Einwände zu hören.

Ich bin Herrn Kiep für einen großen Teil seines Beitrages sehr dankbar. Was er über fragwürdige Kompetenzverteilung sagt, steht einem Abgeordneten eher zu als einem Minister, und der Abgeordnete hat sogar das Recht, ein wenig zu übertreiben. Nur: Um aus diesem Zustand herauszukommen, gibt es verschiedene Wege. Wenn man meint, Entwicklungspolitik lasse sich ohne Rest auflösen in angewandte Außenpolitik oder Wirtschaftspolitik, so muß man das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit streichen, auch auf die Gefahr hin, daß dann das gewünschte Engagement der Jugend sich nur noch in radikaler Kritik äußert. Sogar wenn es um Verwaltungskompetenzen geht, kommt man um grundsätzliche Überlegungen nicht herum. Übrigens: Gerade wenn man verhindern will, daß "der subventionierte Individualismus ... richtungs- und konzeptionslos ausufert", so verlangen diese privaten Institutionen, daß man ihnen ein klares Konzept vorlegt.