Der Fahrer des Wagens, der da rechts herankommt, scheint nicht zu wissen, was er will. Er hat Vorfahrt, aber er zögert, gibt wieder Gas und schaut hin und her. "Einer von denen", denkt der andere, der ihm die Vorfahrt lassen will, "bei denen man aufpassen muß, was sie wohl vorhaben." Er denkt falsch, ihm ist nicht bewußt, daß er selbst den anderen unsicher gemacht hat; er wollte ihm die Vorfahrt lassen, regelgerecht, doch er war flott herangebraust und hatte exakt, aber knapp abgebremst: der andere wußte nicht, ob er sich aufs Anhalten würde verlassen können.

Der gute und nützliche Rat "Paß auf, was der andere macht!" sollte stets mit dem Zusatz zitiert werden: "Für den anderen bist du der andere." Wer sich die Wechselbeziehung nicht klarmacht, "kann unbewußt die Verantwortung für seine Fahrfehler auf andere Fahrer oder irgendwelche anderen Faktoren der Verkehrsumwelt übertragen." Und: "Eine der größten Schwierigkeiten ist die, einem Fahrer zu erläutern, daß er schlechte Gewohnheiten hat."

Der Diplom-Psychologe Edgar Spoerer von der Kölner Forschungsgemeinschaft "Mensch und Verkehr" sprach kürzlich in Hamburg (in der Deutschen Akademie für Verkehrswissenschaft) über "Erste Erfahrungen mit einem deutschen Modell der Driver-Clinic". Vorbild: die etwa 150 amerikanischen driver-clinics, die sich von der individuellen, spezifischen Beeinflussung schlechter Fahrer Sicherheitserfolg versprechen. Psychologen in den USA sind davon überzeugt, "daß die erzieherische Beeinflussung hinsichtlich der Wirksamkeit auf das praktische Fahrverhalten einer Bestrafung überlegen ist".

Das hört man ein bißchen zu gern. Wo sind die Beweise? Einige wenige zitierte Spoerer: Nach einem Kursus hatten die Leute erst nach 46 Monaten wieder eine Eintragung im Verkehrsregister; vorher lagen zwischen zwei Eintragungen nur 15 Monate. Ein anderes Ergebnis: in der driver-clinic Geschulte fielen erst viel später wieder mit Verkehrsdelikten auf als Fahrer einer Kontrollgruppe, die nicht geschult wurden. Die Beispiele zeigen allerdings auch, daß deutliche Erfolge (weniger Unfälle, weniger Delikte) nur spezifisch und nicht generell erwartet werden können: denn nicht wenige sind an den meisten Unfällen schuld, sondern viele und immer wieder andere. Beispiel: nach Stichproben mache jeder Fahrer auf zwei Meilen mindestens einen Fahrfehler. In den Fehlern steckt das Sicherheitsrisiko; nicht jeder Fahrfehler ist eine Gesetzesübertretung, aber jeder Fehler ist potentiell gefährlich.

Alle Leute individuell zu schulen, bei denen ihnen bewußte Fehlergewohnheiten zu kurieren wären, ist nicht möglich. Man muß sich an die halten, die auffallen. ( Driver clinic, genauer driver improvement clinic, heißt frei verdeutscht: Institution für die Behandlung auffällig gewordener Kraftfahrer.) Etwa: Fahrer über 60 Jahren, die Unfälle verursachten: Fahrer mit mehr als zwei Unfällen in einem Jahr; Schuldige an Unfällen mit Toten. Der Besuch der Behandlungskurse wird schmackhaft gemacht durch die Aussicht, nach vollständiger und befriedigender Absolvierung Geld- oder Gefängnisstrafen aufgeschoben, ermäßigt oder aufgehoben zu bekommen. Es gibt noch viele andere Variationen, Der Vortrag in Hamburg ließ manche Frage offen, aber, ein Grundeindruck blieb: es ist möglich, einzelnen Autofahrern Fehler abzugewöhnen, ihr Fahren sicherer zu machen.

Edgar Spoerer schilderte den Fall eines jungen Mannes, der zusammen mit Berufsfahrern "behandelt" wurde. Er hatte bei der Einfahrt in einen Kreisel die Vorfahrt verletzt, weil er nicht rechtzeitig bremsen konnte. Anzeige und Bestrafung hielt er für ungerecht, "weil da ja noch Platz für zwei dicke Laster gewesen wäre". Erst im Gruppengespräch wurde ihm klar ("warum konnten Sie eigentlich nicht mehr rechtzeitig bremsen?"), daß seine alte Karre praktisch ohne Bremsen fuhr; er hatte nie etwas darauf gegeben. Ist er nun ein besserer Fahrer?

"Erste Eindrücke" wollte Spoerer wiedergeben. Die "Fortbildungskurse für Kraftfahrer" in Köln (unterstützt vom Kuratorium "Wir und die Straße") sind erst im Sommer 1968 eingerichtet worden. Ganze 30 Teilnehmer hatten sie bisher. Die Straßenverkehrsbehörde schickt Fahrer dorthin, die in der Flensburger Kartei als "Mehrfachtäter" stehen und Gefahr laufen, bei weiteren Eintragungen den Führerschein zu verlieren. Der Kurs ist freiwillig (Teilnahmegebühr immerhin 80 Mark), viele lassen es auch bleiben.