Inmitten eines Wirrwarrs von Reden und Gerüchten über eine bevorstehende Kraftprobe in Prag, von Meldungen und Dementis über sowjetische Truppenverstärkungen in der ČSSR hielt sich am Dienstag das Gerücht: Parteichef Dubček werde zu Verhandlungen nach Moskau reisen, aber zurückkehren, bevor das Zentralkomitee der KPČ am Donnerstag zusammentritt. Bis zum Vortage sollen die Luftabwehrmanöver dauern, die der Warschauer Pakt seit Montag in Polen, Ungarn, der Sowjetunion, der ČSSR "und in anderen Ländern" abhält.

Der sowjetische Verteidigungsminister Gretschko, der sich seit fast zwei Wochen in Prag aufgehalten und am Wochenende einen überraschenden Abstecher nach Ostberlin gemacht hatte, kehrte nach Moskau zurück. In Prag blieb dagegen der stellvertretende sowjetische Außenminister Semjonow. Harte Kritik an der Prager Parteiführung übte der ungarische Parteichef Janos Kádár in einem Artikel, den das Parteiorgan "Prawda" und die Regierungszeitung "Iswestija" in Moskau veröffentlichten.

Der verstärkte Druck der Verbündeten hat die tschechoslowakische Bevölkerung stark beunruhigt. Studenten und Arbeiter erörterten die Krisenlage am Montag in der Prager Karlsuniversität. An den Diskussionen sollen auch Mitglieder des Zentralkomitees, der Gewerkschaften und des Journalistenverbandes teilgenommen haben.

In einer Resolution der Philosophischen Fakultät hieß es, es werde ein Sitzstreik stattfinden, wenn es einen "gewaltsamen und unpopulären Wechsel in der Staatsführung oder andere repressive Maßnahmen" gebe. Der Vorsitzende des Rates der tschechoslowakischen Gewerkschaften Rudolf Pacovsky erklärte zur Hauptaufgabe des Rates, "derwirklichen Meinung des Volkes und seinen berechtigten Interessen volle Aufmerksamkeit zu schenken und sie nach Möglichkeit durchzusetzen." Der slowakische Parteichef Husak tadelte die Parteiführung ungewöhnlich scharf.

Parteichef Dubček hatte erst am Wochenende scharfe Kritik an den Vorbereitungen "einiger" Institutionen für die anstehende ZK-Tagung geübt, die nicht unter "äußerem Druck" stattfinden dürfe. Von dem ZK-Plenum wird eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen Orthodoxen, Realisten und Reformern erwartet.

Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen stand offenbar auch die Reise Marschall Gretschkos vorige Woche in die DDR, wo er sowjetische Einheiten inspizierte und zeitweilig an einem Treffen zwischen Spitzenfunktionären aus Ostberlin und Warschau teilnahm, das "der Festigung der sozialistischen Staatengemeinschaft" diente.

Nach seiner Rückkehr besprach Gretschko mit dem tschechoslowakischen Verteidigungsminister Dzur, der in letzter Zeit fast ebenso häufig wie Staatspräsident Svoboda Besuche bei der Truppe gemacht hatte, die "Festigung der freundschaftlichen Bande zwischen den Streitkräften beider Länder": Tags darauf veröffentlichte der tschechoslowakische Rundfunk ein Regierungskommuniqué, das noch für diesen Monat eine Verstärkung der sowjetischen Besatzungstruppen ankündigte. Zwei Stunden später zog die Nachrichtenagentur CTK dieMeldung unter Berufung auf "offizielle Kreise" zurück. Begründung: Das Regierungskommunique sei "angesichts veränderter Tatsachen unbegründet". Eine Begründung der Begründung wurde nicht gegeben,