Schrobenhausen

Er verlangte eine Zigarette und einen Kamm. Erst dann ließ er sich von den Pressephotographen knipsen, die Beine lässig übereinandergeschlagen, den weißen Rollkragenpulli geordnet, einen Anflug von Lächeln im Gesicht. Draußen vor der Arrestzelle der Landpolizeiinspektion der oberbayerischen Kreisstadt Schrobenhausen rief eine Schar junger Leute: „Theo, Theo, komm wieder raus!“

Kurze Zeit zuvor war der Theo Berger, 28 Jahre alt, „berüchtigter Bandenchef und Gewaltverbrecher“, in einem Wald zwischen Schrobenhausen und Aichach geschnappt worden. Genauer gesagt: wieder geschnappt worden. Denn der Verbrecher Berger hat auch noch den Titel „Ausbrecherkönig“. Wegen Raubes und Einbruchs zu fünfzehn Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt, entfloh er am 17. Dezember vergangenen Jahres aus einem Münchner Gefängnis. Bewährte Methode: er durchsägte die Gitterstäbe. Seither genoß er in seiner Heimat um Schrobenhausen und im Donaumoos den Vergleich mit dem in die bayerischen Annalen eingegangenen Räuber Kneissl, der um die Jahrhundertwende die Gendarmerie an der Nase herumgeführt hatte.

Auf den „Kneissl“ des Jahres 1969 begann eine Hatz, die mehr als hundert Tage dauern sollte. An der Fahndung nach dem Ausreißer Berger beteiligten sich 23 Polizeibeamte des „Sonderkommandos Berger“ sowie 40 weitere Polizisten; außerdem war ein Zug der Bereitschaftspolizei in ständiger Alarmbereitschaft. Rund 200 Einsätze wurden unternommen und ebenso viele Spuren verfolgt. Mit Nachtgläsern standen die Polizisten vor den Häusern von Bergers Freunden und Verwandten. Berger indes teilte in Briefen an die Staatsanwaltschaft und an Zeitungen mit, daß man ihn niemals lebend fassen und er sich „notfalls den Weg freischießen“ werde. Die Polizei schrieb inzwischen den Raubüberfall auf eine Volksbank am 25. März und die Schüsse, die vor Bergers Elternhaus in Ludwigsmoos (Landkreis Schrobenhausen) einen Polizeimeister lebensgefährlich verletzten, ebenfalls auf das Konto Bergers.

Das Katz-und-Maus-Spiel dauerte Wochen und Monate. Ein Kriminaloberinspektor: „In der Nacht zum Karsamstag hätten wir ihn beinahe gefaßt, als er bei seiner Braut absteigen wollte. Doch er ist in letzter Sekunde entwischt.“

Am Freitag vergangener Woche wollte der Verbrecher zur Dämmerstunde ein Nickerchen machen. Er parkte seinen blauen Fiat mit Münchner Kennzeichen auf einem Waldweg, legte den geladenen Colt auf den Vordersitz und steckte eine entsicherte Pistole in die Jackentasche. Als er unsanft geweckt wurde, mußte er auf zwei Maschinenpistolen schauen und 40 Polizisten rundum. „Beim Anlegen der Fesseln hat Berger etwas gezuckt“, berichtete später ein Polizeimeister. Der „Münchner Merkur“ fand: „Für die Öffentlichkeit kam die Festnahme überraschend.“

Die Landpolizisten von Schrobenhausen konnten zu alledem noch ein glückhaftes Revanchegefühl verspüren. Denn dreieinhalb Jahre zuvor war der Theo Berger schon einmal (wegen einer handfesten Streiterei) bei ihnen gefesselt vorgeführt worden – und entwischt. Berger sprang damals vom 1. Stock des Polizeigebäudes auf die Straße, schnappte sich das nächstbeste Fahrrad, radelte heim nach Ludwigsmoos und ließ sich von Freunden die Handschellen aufsägen. Jetzt entwischte er ihnen nicht mehr. In einem bewaffneten Schubwagen und von zwei Funkstreifen eskortiert, wurde er von Schrobenhausen ins Zuchthaus Straubing gebracht, wo bereits vier Mitglieder der Berger-Bande, darunter auch sein Bruder, sitzen. K. G.