Ch. K., Bonn, im April

Sechs Wochen nach der Bundespräsidentenwahl werfen die Parteiaustritte in Niedersachsen Schatten auf das glanzvolle Bild der Geschlossenheit, das die FPD in Berlin geboten hatte. War die Einigkeit in der Partei, war ihre Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln nur eine flüchtige Erscheinung?

Das FDP-Präsidium möchte das Rumoren unter den Gefolgsleuten in Hannover allein auf persönliche Spannungen zurückführen. Daran ist richtig, daß es im niedersächsischen Landesverband seit jeher private Rivalitäten und personalpolitische Querelen gegeben hat; auch sind bei der Verteilung von Posten und erst recht bei der Kandidatenaufstellung zur Bundestagswahl einige Parteimitglieder schlecht weggekommen.

Aber der Hinweis auf rein persönliche Motive ist nur die halbe Wahrheit. Gerade die Tatsache, daß beim Tauziehen um die Landesliste für die Bundestagswahl fast durchweg die konservativen Anwärter vom Mißgeschick betroffen wurden, offenbart den politischen Hintergrund des Hausstreits. Er ist ein Konflikt zwischen der konservativen Fraktion und dem Reformflügel unter Führung des jungen Landesvorsitzenden Rötger Groß; er ist aber auch eine Grundsatz-Kontroverse über den neuen Kurs der Partei.

Schon immer ist der niedersächsische Landesverband der "Rechtsaußen" der FDP gewesen; erst in der jüngsten Zeit haben mehr "links"orientierte Kräfte einige Schlüsselpositionen erobern können. Die Querverbindungen zwischen der alten FDP-Garde und der CDU sind eng.

Insofern nimmt der Ausbruch niedersächsischen Trotzes kaum wunder, aber jedermann fragt sich, ob und in welchem Maße er Schule machen wird. Manchen Politikern in der CDU wie in der SPD wäre eine anhaltende Diskussion über die Unzuverlässigkeit und Zerrissenheit der FDP nur recht. Daß nicht sämtliche Freien Demokraten mit ihrer neuen Parteiführung ein Herz und eine Seele sind, ist kein Geheimnis. Tatsache ist aber auch, daß Scheel, Genscher, Mischnick und Friderichs bisher viel Terrain gewonnen und ihre Linie durchgesetzt haben. Wirklich ernste Kontroversen über den neuen Kurs sind ausgeblieben und werden, wenn sie überhaupt ausbrechen, bis zum Tage nach der Bundestagswahl ausbleiben. Dann erst wird feststehen, welche Stimmengewinne und Stimmenverluste dieser Kurs eingetragen hat.

So spricht viel dafür, daß die hannoversche Eruption eine Episode bleiben wird.