Was wie das Treffen eines ermüdeten, in Ehren ergrauten Traditionsvereins wirkte, war in Wirklichkeit der VII. Hegel-Kongreß, zu dem Dr. Wilhelm Raimund Beyer, eine Art Hans Werner Richter der Internationalen Hegel-Gesellschaft, nach Paris gerufen hatte.

Grund für den müden, ja desperaten Eindruck, den die fünf Kongreßtage machten, war einmal der Boykott durch die französische Öffentlichkeit. Die Zeitungen wie das Fernsehen ignorierten den Kongreß, die Studenten waren noch in den Ferien, das College de France, wo der Kongreß ursprünglich stattfinden sollte, verschloß sich ihm. Die Gründe ließen sich darin suchen, daß das offizielle Frankreich nach den Prager Vorfällen keine Gesellschaft aufnehmen wollte, die Gelehrte aus Ost und West zu vereinen sucht. Es ließe sich auch vermuten, daß man fürchtete, von dem Kongreß könnte ein Funke auf die studentische Bewegung überspringen, der Umschlag von Theorie in Praxis könnte erfolgen.

Man mag es (zum andern) als Hegelsche "List der Vernunft" empfinden, daß die Watte, in die Paris den Kongreß zu packen trachtete, und die Watte, die sich der Kongreß selbst in die Ohren zu stopfen schien, einander auf das schönste entsprachen. Das Ekrasit, das man aus der Ost-West-Zusammensetzung des Kongresses gern ableiten möchte, hat ihn in diesem Jahr in Wahrheit geradezu zwanghaft entschärft. Um beispielsweise den aus Ostländern herbeigekommenen Hegel-Forschern nicht auf die Füße zu treten, versuchte Beyer tagelang, einen Vortrag des Pariser Soziologen Lucian Goldmann zu verhindern. Herbert Marcuse, der vorsichtshalber gar nicht erst kam, wurde doch von Tag zu Tag immer wieder angekündigt – so als fürchtete man, die Kongreßteilnehmer könnten sonst allzu schnell das Pariser Weite suchen.

Symptomatisch für die (unausgetragenen) Gegensätze waren zwei Vorträge. Sie markierten auch die beiden unausgesöhnten Positionen. Der eine von Louis Althusser, dem momentanen (strukturalistischen) Abgott der Pariser Studenten, hatte den Titel "Lénine devant la logique d’Hegel" und versuchte – grob gesprochen – die totale "Aufhebung" Hegels durch Marx und Marxens durch Lenin zu verifizieren. Der andere, von Staatssekretär Lübbe gehalten, beschritt genau den umgekehrten Weg. Lübbe ging es darum, die Untauglichkeit der Hegeischen Philosophie als Richtschnur für eine aktuelle Politik nachzuweisen. Indem er Hegel die Zukunft zuschloß, dabei Marx meinte, erregte er zu Recht Widerspruch im Auditorium und mußte sich entgegenhalten lassen, daß es nicht angehe, Hegels Philosophie historisch einfrieren zu lassen, das heißt: so zu tun, als hätte sich nach Hegels Analyse der Geschichte an der Geschichte selbst nichts verändert. Ein Versuch, Hegel im Biedermeier festzueisen, verriet sich selbst als biedermeierischer Immobilismus.

Es war sicher nicht untypisch für den Kongreß, daß durch viele Absagen und Umdispositionen am Schluß der Vortrag des Ostberliner Historikers Streisand stand, ein geduldiges Klein-in-Klein-Referat über Hegels Beziehungen zu den politischen Ereignissen seiner Zeit. Die Beziehungen waren, kurz gesagt, widersprüchlich – wie sollte es auch anders sein. Die Schuld, daß dieses Referat sozusagen die Summe des Kongresses zu bilden hatte, lag, wie gesagt, nicht an dem Referenten, sondern an den Fehldispositionen.

Will man den Eindruck des gesamten Kongresses zusammenfassen, so müßte man sagen, daß vor allem die sowjetischen Hegel-Forscher ein petrifiziertes Hegel-Verständnis vortrugen, was sich – braucht das bei Hegel betont zu werden? – mit der Philosophie Hegels verträgt wie Feuer mit Wasser. Auch dem von Manfred Riedel (Heidelberg) vorgetragenen Gedanken von der "Kopernikanischen Wende", die durch Kant und Hegel in der Philosophie erfolgt sei, wurde in den Diskussionen kaum Rechnung getragen. Riedel plädierte gegen das vorgetragene Endziel "Glück" im geschichtlichen Progreß und für den Begriff des Rechts. So fruchtbar und anregend dieser Gedankengang war – niemand hielt ihm entgegen, daß das Recht doch ebenfalls eine abgeleitete Größe sei, was kein Geringerer als Karl Marx zum Beispiel im "Achtzehnten Brumaire" nachgewiesen hat.

Der "Weltgeist zu Pferde" (Hegel sah ihn in Napoleon verkörpert), der ja in Paris zwangsläufig oft zitiert wurde, schien auf dem VII. Hegel-Kongreß selbst zu Fuß beträchtlich zu lahmen. Hellmuth Karasek