Das Klima an den deutschen Aktienbörsen wird sowohl durch die steigenden Zinsen als auch von der Möglichkeit einer Mark-Aufwertung gestört. Es ist zwar nicht zu erwarten, daß der Gewinnanstieg auch in diesem Jahr das gleiche Tempo haben wird wie 1968, aber sicher ist, daß bei den meisten Unternehmen die Gewinne noch steigen werden. In welchem Umfang, hängt nicht zuletzt davon ab, ob und inwieweit sich die steigenden Kosten, besonders auf dem Personalsektor, in der zweiten Jahreshälfte auf die Preise abwälzen lassen werden.

Unmittelbar nach Inkrafttreten des Absicherungsgesetzes waren die Gewinnerwartungen von den Anlageexperten nach unten korrigiert worden. Aus heutiger Sicht läßt sich sagen, daß die damalige Betrachtung offensichtlich zu negativ ausgefallen ist. Das Bankhaus C. G. Trinkaus warnt davor, wie hypnotisiert auf eine mögliche Aufwertung zu schauen. Es verweist darauf, daß die jetzt herrschende Unsicherheit nur durch eine Währungsneuordnung beseitigt würde.

Bei Trinkaus ist man der Ansicht, daß – legt man die Gewinnerwartungen für 1969 zugrunde – namentlich die deutschen Standardaktien recht niedrig bewertet werden. Ihr Kurs/Gewinnverhältnis reicht von 8 beim Volkswagenwerk bis 14 bei BASF und Allianz Versicherung. Trinkaus errechnet das Kurs/Gewinnverhältnis bei AEG auf 12 und bei Siemens auf 13. Wenn man eine Relation von 15 bis 17 für angemessen hält, wäre in beiden Aktien noch ein Kurssteigerungspotential von 30 Prozent enthalten.

Es ist nicht anzunehmen, daß solche Hinweise die gegenwärtige Situation an der deutschen Börse aufzuhellen vermögen. Sie veranschaulichen aber, wie solide das jetzige Kursniveau ist und wie gering die Gefahren eines Rückschlages veranschlagt werden können. Die heutige Lage ist mit der des Jahres 1961 nicht zu vergleichen Dies um so weniger, als die Ausländer, die damals zu einem wesentlichen Teil die Schuld an der Börsenüberhitzung trugen, zur Zeit nicht übermäßig in deutschen Aktien engagiert sind. Und wo doch größere Engagements bestehen, werden sie von Investoren gehalten, die nicht mit Illusionen in die deutschen Aktien gegangen sind, sondern auf Grund sorgfältiger Gewinnanalysen.

Ein Handikap für die Standardaktien der chemischen und Elektroindustrie liegt in der Menge des flottanten Materials. Unternehmen wie BASF, Bayer, Hoechst, AEG und Siemens sind nicht nur in ihrer Unternehmenskonzeption über den deutschen Markt hinausgewachsen, auch der deutsche Kapitalmarkt ist für sie zu klein geworden. Jeder solide deutsche Fonds, jedes Versicherungspörtefeuille und nahezu jeder deutsche Aktienanleger hat diese Papiere ausreichend im Portefeuille. Bei jeder Kapitalerhöhung wird daher die Frage aufgeworfen, ob es sich verantworten läßt, den Anteil dieser Papiere am Gesamtportefeuille noch weiter zu erhöhen. Das Prinzip der gesunden Risikostreuung gerät in Gefahr. Wer zum Beispiel Wintershall-Aktien besaß, war meist auch BASF-Aktionär. Und es ist längst nicht gesagt, daß alle Wintershall-Aktionäre, die im Wege des Umtausches BASF-Aktien erhalten, diese behalten können, ohne die Ausgewogenheit ihres Portefeuilles zu gefährden.

K. W.