Gedroht, auf künftigen Buchmessen nicht mehr zu erscheinen, haben im letzten Herbst etliche dem linkeren Flügel zuzurechnende Verleger, die die Art der Veranstalter, sich der Ruhestörung durch Polizeihilfe zu erwehren, nicht hinzunehmen entschlossen waren. Wahrgemacht hat die Drohung nun als erster ein Verleger vom anderen Ende, Herbert Fleißner, Inhaber der Verlagsgruppe Herbig/Langen-Müller.

Der Grund für seine Absage an die Buchmesse daß der Verlegerausschuß des Börsenvereins, beeindruckt von den Forderungen der linken Opposition, dem Aufsichtsrat der Messe Mitte März eine Reihe von Empfehlungen unterbreitet hat, die darauf hinauslaufen, daß der Einsatz von Polizei in Zukunft möglichst vermieden werden soll und daß Demonstrationen in den Messehallen zugelassen werden, auch wenn der eine oder andere Aussteller sie als störend empfindet. Ein temperiertes Reformprogramm also – ein Programm, von dem der Verlegerausschuß selber nicht weiß, ob es dazu angetan sein wird, die dramatischen Auseinandersetzungen vom letztenmal im kommenden Oktober zu vermeiden, das dem Fleißner-Flügel bei weitem zu liberal ist und das ebenso weit hinter den linken Forderungen zurückbleibt, wie sie etwa die im Februar konstituierte "Arbeitskonferenz der Literaturproduzenten" erhebt.

Was sich da in Ansätzen abzeichnet, ist nicht etwa nur die Unsicherheit des Buchhandels gegenüber den Herausforderungen der APO; es ist vielmehr die Spaltung des Buchhandels in zwei Gruppen, die nicht mehr bereit sind, sich gegenseitig zu ertragen: in eine Gruppe, die vor allem Ruhe und Ordnung wünscht, und eine aridere, die so wenig wie irgend möglich verbieten will – in Autoritäre und Liberale.

Daß die erste Gruppe die wahrscheinlich weitaus größere ist, schafft noch keineswegs klare Verhältnisse. Denn wie die Dinge liegen, sind beide Gruppen aufeinander angewiesen: Boykottiert die eine, auch die kleinere, die Frankfurter Buchmesse (und, geht die Entwicklung weiter, dann eventuell auch den Börsenverein), so erübrigt sich, diese (und die Arbeit im Börsenverein) auch für die andere. Blieben auch nur zwanzig größere Verlage der Messe fern, so müßten sich viele andere Verleger und Buchhändler und auch ausländische Aussteller vergebens fragen, warum sie sich eigentlich noch nach Frankfurt bemühen sollen – ein unaufhaltsamer Auflösungsprozeß wäre in Gang gesetzt.

Die Frage ist also, ob beiden Gruppen so viel an der Aufrechterhaltung der Messe liegt, daß sie bereit sind, einander in Kauf zu nehmen und Kompromisse miteinander zu schließen. Oder: als wie sinnvoll diese Messe eigentlich noch empfunden. wird.

Daß die Leute vom Börsenverein bei aller Furcht vor den zu erwartenden Komplikationen an ihrer Veranstaltung hängen, der internationalsten, die sich in der Bundesrepublik etablieren konnte, daß sie sich deren Niedergang nicht vorstellen wollen und können, ist verständlich. Unterhält man sich aber mit einzelnen Verlegern und Buchhändlern, so zeigt sich, daß das Unternehmen oft genug doch keineswegs mehr von allgemeiner Begeisterung getragen wird.

Seinen ursprünglichen Zweck erfüllt es nur noch teilweise: Seit langem kauft der Buchhandel den Hauptteil seiner Bücher außerhalb und vor der Messe ein. Internationale Kooperationen einzufädeln, wüßten die interessierten Verleger zur Not andere Wege. Und die Entwicklung der Messe zu einer Öffentlichkeitsmesse, zu einer großen PR-Show des Buchhandels nicht nur mit andächtigen Autogrammstunden, sondern mit Fernsehen, mit reißerisch aufgeputzten Ständen, mit Verlagsempfängen, mit Diskussionen und Demonstrationen verfolgen die Veranstalter mit Mißbehagen.