Endlich sind in den polnischen Zeitungen die fast täglichen Angriffe gegen die "Zionisten" verstummt. Symptomatisch dafür ist das Verhalten der "Pax"-Presse. Der Gründer und Vorsitzende der "Pax-Gesellschaft fortschrittlicher Katholiken", Boleslaw Piasecki – im Vorkriegspolen Gründer und Vorsitzender der faschistischen Organisation "Falanga" – war Jahre hindurch Gomulka treu verbunden.

Nach dem Nahost-Krieg im Jahre 1967 schwenkte er um und wurde zum ebenso getreuen Partner des gomulkafeindlichen, nationalstalinistischen Flügels in der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei und dessen Führers Moczar. Mieczyslaw Moczar, bis Mitte 1968 Innenminister, ist derzeit ZK-Sekretär und stellvertretendes Mitglied des Politbüros.

Dieser Piasecki nun hielt es kürzlich für geboten, wieder einmal einen Richtungswechsel vorzunehmen. In einem Artikel, der in seiner Zeitschrift Zycie i Mysl ("Leben und Gedanke") erschien, forderte er ein "internationales Engagement Volkspolens" und verdammte den "Krähwinkel-Nationalismus" und die "nationalistischen bürgerlichen Traditionen" in scharfen Worten.

Damit erwies sich die "Pax"-Presse wieder einmal als empfindliches Barometer für die jeweiligen Machtverhältnisse. Im März vorigen Jahres hatte die vom "Pax"-Konzern herausgegebene Tageszeitung Slowe Powzechne die polnische Öffentlichkeit mit einem hurranationalen, "antizionistischen" Leitartikel überrascht.

Dieser Aufsatz, den die Parteipresse nachdruckte und den die Geheimpolizei in zahlreichen Flugblättern verbreitete, wurde zum Fanal für eine in Polens Nachkriegsgeschichte beispiellose antisemitische Hetze. Jene Kampagne also ist nun von der Parteileitung und ihren Gefolgsmännern abgeblasen worden.

Dem Entschluß, dies zu tun, sind eine Reihe von Ereignissen vorangegangen, die von der polnischen Presse totgeschwiegen wurden. Nach einer stürmischen Sitzung der Zentralen Kontrollkommission der Partei, die um die Jahreswende stattfand und an der Gomulka selbst teilnahm, war beschlossen worden, den unteren Parteiinstanzen die Anweisung zu erteilen, alle Diskussionen über die jüdische Frage sofort abzusetzen und jegliche Kritik an der Parteileitung einzustellen.

Die Zusammenfassung dieser beiden Punkte war nicht zufällig. Noch im November 1968, also direkt vor dem V. Parteikongreß, waren in Warschau zahlreiche Flugblätter aufgetaucht, die Gomulka und seine engsten Mitarbeiter kritisierten. Dort hieß es, alle wichtigen Ämter in Polen seien nach wie vor mit Juden besetzt; solange aber dieser Zustand von der Partei- und Staatsführung Gomulkas geduldet und gedeckt werde, könne es im Lande nicht besser werden. Eines dieser Flugblätter zeigte die Photokopie des Antrags, mit dem angeblich Zofia Gomulka, die Ehefrau des Parteichefs, über die niederländische Botschaft in Warschau um ein Einreisevisum für Israel nachgesucht hatte.