Ihr seid Franzosen – kauft französisch ausländische Waren zu kaufen, bedeutet Arbeitslosigkeit: damit verneint ihr den Gemeinsamen Markt, der nur bei einem Gleichgewicht von Ein- und Ausfuhren verwirklicht werden kann." Solche Erkenntnisse verkündet Joseph Frys, gaullistischer Abgeordneter der französischen Nationalversammlung, auf einem Plakat. Und auf einem anderen: "Ich habe ein gutes französisches Auto ... macht es wie ich... so verhindern wir die Arbeitslosigkeit."

Diese Aktion veranlaßt den Kommentar einer Pariser Zeitung zu Reminiszenzen an die Zustände vor 30 oder 40 Jahren. "10 Jahre nach der Rückkehr General de Gaulles an die Macht ist Frankreich noch immer nicht imstande, in den Gemeinsamen Markt zu gehen – anders ausgedrückt: das ist die Pleite."

Das ist nicht zuletzt der unklaren EWG-Politik des Generals zu verdanken, der jahrelang immer von neuem Zweifel wach werden ließ, ob Frankreich in der Europa-Gemeinschaft bleibt, statt die französische Wirtschaft auf die harten Erfordernisse freier Konkurrenz vorzubereiten.

Pierre Uri, einer der Architekten des Gemeinsamen Marktes, wurde von der Brüsseler Europa-Kommission beauftragt, die Stärken und Schwächen der sechs EWG-Länder zu analysieren. Das Ergebnis für Frankreich: Zwischen 1958 und 1968 (vor den Maiunruhen) stieg die Kauf kraft der französischen Arbeiter nur um 30 bis 35 Prozent gegenüber 75 Prozent in Deutschland und Italien. Seit 1963 nimmt die Zahl der in der Industrie Beschäftigten nicht mehr zu. Seit 1958 wuchsen die chemischen und mechanischen Industrien im Lande de Gaulles nicht im gleichen Tempo wie in den fünf EWG-Partnerländern. Die Folge war, daß die jährlich aus der Landwirtschaft abwandernden 160 000 Menschen keine neuen zukunftsträchtigen Arbeitsplätze in der Industrie erhalten können. Statt dessen versuchen sich viele in dem ohnehin weit überbesetzten Handel...

In Brüssel fragt man besorgt, ob die wirtschaftspolitischen Versäumnisse der Gaullisten – dank derer das Land nur unzureichend auf die EWG vorbereitet ist – nun als Vorwand dafür dienen sollen, die Gemeinschaft zu zerstören? Werden weitere Vorwände künstlich produziert? De Gaulles Außenminister Debré wird zitiert, der offen zustimmte, als in einer Rundfunkdiskussion vor dem wirtschaftlichen Übergewicht der Deutschen gewarnt wurde. Sogar Frankreichs früherer Finanzminister Giscard d’Estaing (der sich selbst als Europäer bezeichnet) warnt lauthals vor der wirtschaftlichen Macht Deutschlands. Immerhin – Giscard ist dennoch kein heimlicher Feind Europas. Er möchte das innere Gleichgewicht der EWG dadurch herstellen, daß England als Gegengewicht zur Bundesrepublik in die Gemeinschaft eintritt.

So wird ein Aktivum eines geeinten Europas, nämlich die deutsche Wirtschaftskraft, in den Augen der schwächeren Partner zu einer Bedrohung. In einer Diskussionssendung des französichen Staatsrundfunks, des O.R.T.F., trat mir der gaullistische Abgeordnete Raymond Schmittlein mit der Behauptung entgegen, der preußische Geist sei heute auf die deutschen Industriekapitäne übergegangen. Pariser Zeitungen meldeten kürzlich – allerdings ohne irgendwelche Beweise –, die Holländer sähen die industriellen Investitionen aus Deutschland mit noch mehr Sorge als die Franzosen die amerikanische Investitionswoge.

Dabei gibt sich Bonn immer noch am europäischsten. EWG-Präsident Jean Rey zeigte hinsichtlich des deutschen Gewichts in der EWG die richtige Perspektive. In Brüssel stellte er heraus: Bereits seit 1950 fordert der Deutsche Bundestag einen europäischen Bundesvertrag, Bundeskanzler Adenauer machte den Weg zur europäischen Wirtschaftsintegration in der EWG frei, als er der Assoziation ehemals französischer und belgischer Kolonialgebiete mit der Gemeinschaft (und damit der Zahlung von 400 Millionen Dollar aus Deutschland binnen 10 Jahren) zustimmte. Die Bundesrepublik schaffte 1967 rund 35 Prozent des Bruttosozialprodukts der EWG, zahlte 46 Prozent der Umlage für die europäische Montanunion, 30 Prozent des EWG-Agrarfonds und der Euratom-Forschung und schließlich 28 Prozent der laufenden Ausgaben der Gemeinschaft. 37 Prozent des deutschen Außenhandels werden mit der EWG abgewickelt...