"Happening in der Park Avenue", New Yorker Geschichten von Alfred Gong. Beginnt man in diesem Band nicht vorn, sondern in der Mitte zu lesen, etwa bei "Jiddische Gliken", einer Impression aus der Enklave des New Yorker Ostjudentums, so könnte man glauben, es handle sich um besonders gewitzten Journalismus, der die Wirklichkeit zubereitet, ein bißchen dabei flunkert, aber doch eine Menge Informatives bereithält. In den meisten anderen Geschichten aber geht Alfred Gong, der seit 1952 in New York lebt, darüber hinaus. Was sie an Spannung und Frische, Abenteuerlichkeit und Komik enthalten, verlieren sie zwar an Glaubwürdigkeit, doch ist auch das in Kauf zu nehmen, wenn das Bild des American Way of Life einmal so unkonventionell gezeichnet wird. Ein Party-Happening im reichsten Viertel New Yorks, eine ungewollte und gefährliche Trampfahrt und andere Odysseen überraschen mit einer Flut von Unvorhergesehenem und Kuriosem. Zum Besten gehört der Abstecher ins Viertel der Vergessenen, ins Getto der Saufbrüder und Gescheiterten. Ein zuweilen satirisch überspitzendes, immer lesbares Amerika-Buch, das man auch Jugendlichen in die Hand geben kann. (R. Piper & Co. Verlag, München; 224 S., 16,80 DM) Martin Gregor-Dellin

"Lauter feine Leute", Roman von Iris Murdoch. Der Titel ist eine grobe Irreführung. Der Roman spielt zwar in begüterten Kreisen; nichtsdestoweniger denkt Iris Murdoch viel zu diffizil, als daß sie mit der vordergründigen Attacke gegen eine Gesellschaftsschicht zufrieden wäre. Die "feinen Leute" sind im Original "the Nice and the Good", und gerade in dieser Spannung zwischen dem gesellschaftlich netten und dem moralisch Guten liegt der Witz der vielfältigen Verwicklungen einer Gruppe von guten Freunden. Einer von ihnen muß sich entscheiden: Will er weiter allen gefallen oder richtig handeln? Seine Entscheidung für die Wahrheit verschiebt alle anderen Verhältnisse. Ebenso wichtig wie unterhaltender Stil ist der Autorin der glückliche Sex. Zum Schluß hechten selbst die betagten Helden in Scharen paarweise in die Betten: Diese souveräne Persiflage der eigenen Kunstform rettet Iris Murdoch, die sich in anderthalb Jahrzehnten zu einer der bekanntesten Autorinnen Englands emporgeschrieben hat, vor der Gefahr, dieser Form zu erliegen. (Scherz Verlag, München; 317 S., 24,80 DM)

Sybil Gräfin Schönfeldt

"Herr Je das Nichts ist bodenlos" – Unsinn in Poesie und Prosa, herausgegeben von Wilhelm Höck. Literarischer Unsinn – das ist ein weites Feld. Nicht nur, daß man zu unterscheiden hat zwischen unfreiwilligem Quatsch und beabsichtigtem Widersinn: Auch letzterer, das zeigt diese Anthologie, weist zahllose Nuancen auf zwischen intellektuell leerlaufendem Blödeln einerseits und dem skeptisch-nihilistischen Spiel mit der (und wider die) Ratio andererseits. Bei einem so großzügig abgesteckten Rahmen, in den Mozart und Kafka, Valentin und Weinheber, Busch, Beckett, ein anonymer Computer und das "Volksvermögen" passen, wird das Auswahlprinzip problematisch. Der Herausgeber macht jedoch ausder Konfusion eine Theorie und propagiert Verunsicherung, Nivellierung von Sinnhaftem und Sinnlosem – was allerdings kaum die mitunter allzu eklatanten Niveauunterschiede des hier Versammelten entschuldigen kann. Die "Lust am Unsinn", von Freud als "Befreiung vom Denk- und Realitätszwang" interpretiert, stellt sich dennoch oft genug ein – auch und gerade bei solchen Texten, die das Denken stimulieren oder gar den Sinn für "Realität" schärfen. (Ehrenwirth-Verlag, München; 360 S., Abb., 19,80 DM)

Rainer Zimmer

"Eiffe", Surrealismen zum Mai 1968, herausgegeben von Uwe Wandrey. "Eiffe der Bär" brummt nicht mehr: "Eiffe sieht gut aus Eiffe will Bundeskanzler werden", oder "Eiffe der neue Hut der CDU SPD ETC". Wer derartige Sprüche in Massen an Hauswände, Verkehrsschilder, U-Bahnhöfe und sogar Denkmäler kritzelt, wer dann zu allem Überfluß auch noch mir nichts dir nichts mit seinem beschmierten PKW in die Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs einbiegt, der soll nicht normal sein. So beschlossen maßgebliche Instanzen, und Peter Ernst Eiffe (Jahrgang 1941, Leutnant der Luftwaffe, Studium der Betriebswirtschaft) wurde entmündigt und in die Psychiatrische Klinik eingeliefert, wo ihm nun zwangsweise und zwangsläufig seine APO-verdächtige Agitation madig gemacht wird. Uwe Wandrey hat die besten Sprüche gesammelt und zusammen mit Peter Schütt das Phänomen Eiffe Eiffe-freundlich analysiert. Daß der intelligente und absurde Witz Eiffes, selbst wenn er auf Kosten hoher Herrschaften und Institutionen geht, ins Irrenhaus geführt hat, erscheint nach dieser Lektüre als der reinste Irrwitz, APO hin, APO her. (Quer Verlag, Hamburg; 72 S., 4,50 DM) Christel Buschmann

"Frühzeit des Mittelalters", von Jean Hubert/Jean Porcher / W. Fritz Volbach. Das Werk gehört zu der von André Malraux und André Parrot herausgegebenen Reihe "Universum der Kunst". Es besitzt die Vorteile internationaler Unternehmen dieser Art: einen Reichtum an ein- und mehrfarbigem Bildmaterial, den sich ein einzelner Verleger nie leisten könnte. Auf der anderen Hand hat man das Risiko mehr oder minder gelungener Übersetzungen in Kauf zu nehmen. Dazu kommt in diesem Fall, daß über frühmittelalterliche Kunst unter französischen Gelehrten Ansichten bestehen, die dem Nicht -Franzosen nicht ohne weiteres einleuchten. Das kommt bei Jean Hubert, dem Verfasser des Kapitels "Architektur und plastischer Dekor", ebenso deutlich zum Ausdruck wie bei Jean Porcher, der die "Bilderhandschriften" behandelt. Leichter findet man den Zugang zur dritten Abteilung "Skulptur und Kunstgewerbe" von Wolfgang Fritz Volbach. Das natürlich auch deshalb, weil hier ein Sachgebiet beschrieben und glänzend zur Anschauung gebracht wird, das den heutigen Beschauer unmittelbarer anspricht als die äußerst spärlichen und arg entstellten Baudenkmäler des sechsten bis achten Jahrhunderts. Man fragt sich, ob unter so schwierigen Bedingungen eine Zusammenschau der Epoche nicht besser durch Monographien der beiden Glanzleistungen der Epoche: Bilderhandschriften und Goldschmiedearbeiten, ersetzt würde. (Verlag C. H. Beck, München; 400 S., viele Abb., 110,– DM)

Manuel Gasser