Grashey und die soldatische Loyalität

Von Kurt Becker

Darf ein General sagen, was er denkt? Der rednerische Handstreich des stellvertretenden Heeresinspekteurs, Generalmajor Hellmut Grashey, vor der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg macht es einem nicht leichter, diese Frage so zu beantworten, daß man weder einem konformen Duckmäusertum der Militärs das Wort redet noch ihrer Unbotmäßigkeit.

Wer mit solcher Vehemenz gegen die Institution des parlamentarischen Wehrbeauftragten und gegen das politische Ordnungsprinzip der "Inneren Führung" auf die Schanze steigt, wie General Grashey es vor über hundert hohen Generalstabsoffizieren tat, muß damit rechnen, daß er nicht nur an das Problem der Redefreiheit rührt. Bei einem Militär in so hohem Führungsamt stellt sich in diesem Falle auch die prinzipielle Frage: Darf der stellvertretende Heeresinspekteur denken, was er gesagt hat? Wenn ja: wie steht es dann mit dem Respekt der Bundeswehrführung gegenüber Verfassung und Gesetz?

Dies waren die Kernpunkte von Grasheys Invektive:

1. Der Wehrbeauftragte des Bundestages ist das institutionalisierte Mißtrauen – ebenso schädlich wie überflüssig.

2. Die "Innere Führung" trägt die Hauptschuld an der inneren Not der Bundeswehr; das darin enthaltene großzügige Disziplinarrecht war nur eine Konzession an die SPD, um sie für die Wiederbewaffnung zu gewinnen; die Bundeswehr muß diese Maske nun endlich ablegen, "die wir uns damals vorgehalten haben".