Von Rolv Heuer Seit Kriegsende fahndet das deutsche Gewissen nach Widerstandskämpfern gegen das Dritte Reich. Auf der Suche nach der verlorenen Kollektivunschuld könnte es nun geschehen, daß sich die Deutschen an Otto Strasser erinnern – um so leichter, als Strasser sich schon seit 24 Jahren als der Widerstandskämpfer gegen Hitler in Erinnerung bringen will. Seine neueste Offerte heißt:

Otto Strasser: „Mein Kampf“, eine politische Autobiographie mit einem Vorwort von Gerhard Zwerenz; Streit-Zeit-Bücher Nr. 3, Heinrich Heine Verlag, Frankfurt 1969; ca. 240 S., ca. 12,– DM.

Im neuen Buch feiert sich Strasser als „Hitlers Feind Nr. 1“ (wie Goebbels ihn nannte), und zum erstenmal hat er die Chance, daß die Deutschen mitfeiern: Der stern bringt einen Vorabdruck des Buches.

Otto Strasser war fast von Anfang an dabei: 1920 lernt er Hitler persönlich kennen. Der Kontakt läuft über Ottos Bruder Gregor Strasser, der aus dem Ersten Weltkrieg eine kleine Privatarmee mit nach Hause gebracht hat. In kleinen bayerischen Dörfern versteckt, gehen diese „Guerillas auf Abruf“ ihren bürgerlichen Berufen nach und warten auf das Signal zum Staatsstreich. Gregor Strassers „Waffenoffizier“ ist der ehemalige Fahnenjunker Heinrich Himmler: „Ein merkwürdiger Kerl. Kommt aus einer streng katholischen Familie, will aber von der Kirche gar nichts wissen. Ausschauen tut er wie eine verhungerte Spitzmaus. Aber eifrig, sag ich dir, sagenhaft eifrig. Er hat keinen Beruf, aber ein Motorrad.“

Mit Himmlers Hilfe unterstützt Gregor Strasser den Münchner Hitler-Putsch. Zusammen mit Hitler wird er zu Festungshaft verurteilt, kommt aber vor Hitler frei. Strasser übernimmt die Führung der norddeutschen NSDAP, er wird, ohne es eigentlich selbst zu wollen, allmählich zum Gegenpol Hitlers.

„Wenn Hitler in der Partei den Willen zur Macht verkörperte und Röhm die Entschlossenheit, Gewalt anzuwenden“, schreibt Alan Bullock in seinem Hitler-Porträt, „dann verkörperte Gregor Strasser ihren Idealismus. Sicherlich einen brutalen Idealismus, aber einen aufrichtigen Willen zu einem klaren Neubeginn. Für Strasser war der Nationalsozialismus wirklich eine politische Bewegung, nicht wie für Hitler das Instrument seines Ehrgeizes. Er nahm das Programm ernst, was Hitler niemals getan hatte, und er war der Führer des linken Flügels, der sehr zum Ärger von Hitlers großindustriellen Freunden noch immer von einem deutschen Sozialismus träumte und gerade durch seine antikapitalistische Einstellung Stimmen für die Partei gewonnen hatte.“ Die linken Stimmen, die Gregor Strasser für Hitler fing, zählten nur bei der Wahl.

Gregors intellektueller Bruder erkannte von Anfang an, daß der linke Flügel in der Partei nicht zum Zuge kam. Er sah seine Aufgabe darin, den Sozialismus im Nationalsozialismus zu retten. Bei dieser Einstellung mußte es zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit Hitler kommen. Otto Strasser wußte auch das, deshalb sammelte er von Anfang an Gesinnungsgenossen. Im Sekretär seines Bruders glaubte er einen zu finden: „Ich hatte mir Goebbels groß und kräftig vorgestellt. Darum war ich, als zur festgesetzten Stunde ein schmaler, schmächtiger Dr. Goebbels zu unserer Verabredung kam, fast enttäuscht. Diese halbe Portion, dachte ich unwillkürlich, will gegen die Kommunisten auftreten? Den wischt ja der nächstbeste Rote mit einem Faustschlag vom Podium.“