Von K. H. Kramberg

Eben habe ich eine hübsche Anmerkung von Knut Hamsun über die Rolle des menschlichen Weibes im Leben und auf der Bühne gelesen. Der große alte Schwätzer nimmt Ärgernis an dem Umstand, daß sich kein gutes Theaterstück ohne eine Frau machen ließe, denn: „Die Frau in einem Drama muß ständig sprechen. Eine anmutige, verfeinerte Frau hat aber nicht vier zu sagen, sie ist zumeist schweigsam, sie führt kein dramatisches Leben...“

Das ist natürlich gezielte Misogynie. Jedermann weiß doch um die Wollust des schönen Geschlechts, an eigenen und andrer Leute Sachen wortreich Anteil zu nehmen. Der Geschmack an der Indiskretion, bei Männern oft pathologisch, gilt als ein Vorrecht der Damen, als ihre Zierde sogar.

Der kritische Liebhaber unterhaltsamer Prosa müßte sich deshalb als arger Plumpsack vorkommen, wollte er einer anmutigen und sicher auch verfeinerten Frau, die einen sogenannten Lebenswandel geführt hat oder noch führt, den Genuß, aus der diesbezüglichen Schule zu plaudern, als sittenwidrig ankreiden. Im Gegenteil, wenn die betreffende Person ihrer literarischen Mittel nur annähernd so sicher ist wie ihres mehr ins Physische wirkenden Spieltriebs, dann wäre ein Leser, der ihr Buch lieber ungedrückt wüßte, nicht besser beraten als ein Voyeur, der, ehe die Vorstellung losgeht, aus purem Unverstand die Augen zumacht.

Unter den Augen lesender Voyeurs wird der autobiographische Strip-tease jener französischen Dame von Adel –

Maud Sacquard de Belleroche: „Geständnissse“ – Memoiren einer Frau von vierzig Jahren, aus dem Französischen von Emma Bieber; Kurt Desch Verlag, München; 295 S., 30,– DM

zweifelsfrei eine der amüsantesten Cochornerien, die uns die immer noch nicht verebbende Sexwelle in diesem Frühjahr an Land zu spülen verspricht. Denn einerseits ist besagte Dame auch als Erzählerin tüchtig, und andererseits haben wir es in ihrer Geschichte mit dem selbst für Optimisten der sexuellen Neurasthenie nahezu unerhörten Fall einer durch und durch lebensfrohen Sadomasochistin zu tun, die weit davon entfernt ist, sich von dem heiligmäßigen Wandel der schönen O (sie goutiert dieses Buch aus begreiflichen Gründen) an ihrer heidnisch-naiven Wollüstigkeit irremachen zu lassen.