Von Victor Zorza

Warum hat Prag sich den jüngsten sowjetischen Forderungen so rasch gebeugt? Die Antwort auf diese Frage birgt ein politisches Dokument, das der BBC-Reporter David Lomax aus der Tschechoslowakei herausgebracht hat. Es enthält die ersten Angaben über die Note, die Kreml-Sonderbotschafter Semjonow den Pragern übergab.

In dieser Note hieß es: "Offensichtlich gibt es Mitglieder der Staats- und Parteispitze, die an antisowjetischen Handlungen interessiert sind. Dies ist die letzte ernste Warnung. Werden die Angriffe auf sowjetische Organe fortgeführt, so wird die Sowjetunion ohne Rücksprache mit den tschechoslowakischen Behörden geeignete Maßnahmen ergreifen."

Als Gretschko von Dubček, Präsident Svoboda und Ministerpräsident Cernik empfangen wurde, erklärte er ihnen, daß nach sowjetischer Ansicht die tschechoslowakische Führung offenbar nicht gewillt sei, die Unruhen zu beenden. Er habe festgestellt, daß die Lage in der tschechoslowakischen Armee untragbar sei. Die Armee löse sich auf. Sowjetische Ortskommandanten hätten die Unterstützung tschechischer Befehlshaber erbeten; diese hätten jedoch ihre Hilfe verweigert.

Offenbar war dies Gretschkos Kommentar zu jenem Abschnitt der Note, in dem es nach der Beschreibung der Übergriffe auf die sowjetischen Hauptquartiere in Usti Nad Lebem und Mlada Boleslav heißt: "All dies geschah, ohne daß tschechoslowakische Befehlshaber oder das Verteidigungsministerium eingeschritten wären. Es wurden bei den Zwischenfällen Übungsgranaten und Leuchtkugeln verwendet, die Eigentum der tschechoslowakischen Armee waren. Militärpersonen nahmen an den Ausschreitungen teil."

Die Sowjets befürchteten anscheinend, daß die Mitwirkung tschechischer Soldaten an den Ausschreitungen zu direkten Zusammenstößen zwischen den Militäreinheiten beider Staaten führen werde. Daß Grund zur Befürchtung bestand, CSSR-Einheiten könnten sich zu Unbedachtsamkeiten gegen die Sowjetgarnison hinreißen lassen, geht aus den Besuchen hervor, die Präsident Svoboda den Armeeinheiten in verschiedenen Teilen des Landes abgestattet hat.

In seinen mündlichen Erläuterungen zu der Sowjetnote erklärte Semjonow den tschechoslowakischen Politikern, die Führung der Sowjetunion sei derart ungehalten, daß sie keine Worte mehr finde. Die Lage sei jetzt erheblich schlimmer als vor dem August 1968. Die sowjetische Führung sei zu der Überzeugung gelangt, daß die Zeit des Verhandelns vorüber sei. Marschall Gretschko wolle sich nun über die Situation Klarheit verschaffen. Er sei bevollmächtigt, im Namen Moskaus Anweisungen zu geben.

Der Tonfall des Prager Dokuments, das aus dem inneren Führungskreis der tschechoslowakischen Staatsmänner zu stammen scheint, läßt die Alternative erkennen, vor die sich Prag gestellt sah: Entweder die tschechoslowakische Führung leite selbst notwendige Maßnahmen ein – oder die sowjetischen Truppen nähmen die Dinge selber in die Hand.