Die NATO-Staaten wollen "in enger Konsultation untereinander" bei den Sowjets und ihren Verbündeten sondieren, wie sich Verhandlungen über Sicherheit und Frieden in Europa am besten einleiten lassen. Das haben die Außenminister der 15 NATO-Länder am vorigen Wochenende auf ihrer Jubiläumssitzung zum 20. Jahrestag des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses in Washington beschlossen. Der Nordatlantikrat wurde beauftragt, eine Liste von verhandlungsreifen Themen aufzustellen und entsprechende Initiativen zu empfehlen.

Nach den Worten Präsident Nixons geht die Allianz mit dem Willen in die dritte Dekade, über den militärischen und politischen Bereich hinaus in eine "dritte Dimension" vorzustoßen: in den sozialen Raum, "um unseren Bestrebungen, die auf ein erfülltes Leben gerichtet sind, im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gerecht zu werden". Seine Anregung, einen Ausschuß einzusetzen, der sich mit den "Problemen der modernen Gesellschaft" befassen soll, wurde mit Zurückhaltung aufgenommen.

Obwohl weder Nixon noch das Abschlußkommunique der Konferenz (Auszüge vgl. unten "Dokumente der Zeit") den Vorschlag des Warschauer Paktes direkt erwähnten, war die europäische Sicherheitskonferenz doch das beherrschende Thema in Washington. Dabei wurden Unterschiede in der Beurteilung von Ernsthaftigkeit und Erfolgschancen des Budapester Konferenzvorschlags deutlich.

Am weitesten ging der italienische Außenminister Nenni. Er verlangte, daß die NATO schon vor den Sondierungen eine Grundsatzentscheidung für die Sicherheitskonferenz fällen und einen positiven Gegenvorschlag unterbreiten müsse. Wesentlich zurückhaltender gaben sich die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und der USA, Stewart, Debré und Rogers. Sie stimmten mit ihrem deutschen Kollegen Brandt darin überein, daß es besser sei, eine solche Konferenz finde gar nicht erst statt, als daß sie mangels sorgfältiger Vorbereitung scheitere.

Brandt, der eine mittlere Position einnahm und der der geschlossenen Ratssitzung turnusmäßig präsidierte, sagte: "Die Budapester Erklärung bedeutet zumindest, daß die Sowjetunion ihre Taktik geändert hat. Die Allianz sollte die Warschauer-Pakt-Staaten beim Wort nehmen... Der Westen darf nicht auf eine selektive Entspannung eingehen, die der Sowjetunion die Entscheidung überläßt, wo sie die Entspannung und wo sie die Fortsetzung des Kalten Krieges für angebracht hält." Der sowjetische Botschafter in Bonn, Zarapkin, habe erklärt, die Frage der Teilnahme der USA an einer europäischen Sicherheitskonferenz sei kein unüberwindliches Hindernis für deren Zustandekommen.

Am Vorabend der Jubiläumstagung trafen sich die Außenminister der drei Westmächte mit Brandt zum traditionellen Deutschland- und Berlin-Gespräch. Es wurde beschlossen, daß die Bonner Botschaftergruppe Vorschläge für Verbesserungen im innerdeutschen und Berlin-Verkehr ausarbeiten soll. Sie könnten in den sowjetisch-amerikanischen Raketendialog eingebracht werden, bei dem es auch um Entspannung auf anderen Gebieten gehen soll.

Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS reagierte in einem ersten Kommentar enttäuscht auf das Washingtoner Treffen: "In einigen Kreisen dieses militärpolitischen Blocks zieht man es offensichtlich vor, daß die Nato nach wie vor als Instrument der Spaltung Europas dient."