Fünfzehn Monate nach dem Aufbringen des Nachrichtenschiffes "Pueblo" hat sich zwischen Nordkorea und den USA ein neuer schwerer Zwischenfall ereignet. Pyöngyang gab am Dienstagmorgen den Abschuß eines Aufklärungsflugzeuges der US-Marine bekannt, das "tief in nordkoreanisches Gebiet eingedrungen" sei.

Die angegebene Abschußzeit, 6 Uhr MEZ, stimmte mit dem Zeitpunkt überein, von dem an die Amerikaner eine viermotorige Propeller-Maschine vom Typ Constellation über dem Japanischen Meer vermißten, die 31 Mann und modernstes elektronisches Gerät an Bord hatte. Das Flugzeug war in Atsugi in Japan stationiert und ohne Jagdschutz geflogen. Das Pentagon teilte freilich mit, der Pilot habe strikte Anweisung gehabt, sich der nordkoreanischen Küste nicht mehr als 80 Kilometer zu nähern.

Der Zwischenfall rief eine fieberhafte diplomatische Aktivität hervor. Der amerikanische Außenminister Rogers bat den sowjetischen Botschafter Dobrynin zu sich und appellierte an die Sowjetunion, bei der Suche nach der Maschine und ihrer Besatzung behilflich zu sein. Die Suche, an der sich neben amerikanischen Seestreitkräften auch japanische und südkoreanische Hilfseinheiten beteiligten, konzentrierte sich auf ein Gebiet 150 Kilometer südöstlich von Chongjin in Nordkorea – nur 300 Kilometer von der Stelle entfernt, an der Ende Januar vorigen Jahres die "Pueblo" mit 82 Mann Besatzung gekapert worden war.