Die uneinige EWG ist zu schwach, um dem Druck der amerikanischen Protektionisten widerstehen zu können

Die Aktionäre können eigentlich zufrieden sein: Das Volkswagenwerk hat ein Rekordjahr hinter sich, ein noch besseres hat begonnen – 1969 wird VW wahrscheinlich mehr als 500 Millionen Mark verdienen. Und wenn der "Coup" bei NSU gelingt, sichert sich das Unternehmen technische Entwicklungsmöglichkeiten und den Zugang zu neuen Käuferschichten. Nur in einer Hinsicht steht der größte deutsche Industriekonzern auf etwas schwankendem Boden: drei von vier Volkswagen müssen im Ausland verkauft werden. Noch rühmt man in Wolfsburg die oft beklagte "Exportabhängigkeit" als besondere Leistung, errungen gegen harte Konkurrenz auf dem Weltmarkt. In diesen Tagen freilich erweist sich, wie schnell aus Stärke Schwäche werden kann.

Der Mann, der ausgezogen ist, den VW-Aktionären und anderen Europäern das Fürchten zu lehren, heißt Maurice Stans. Offiziell ist die Mission von Stans, dem Handelsminister von Richard Nixon, – die "Verhinderung eines Handelskriegs zwischen der EWG und den USA" – in Wirklichkeit geht es aber nur darum, den Vereinigten Staaten handelspolitische Vorteile zu verschaffen. Das wichtigste Ziel: den Absatz von Pfirsichen, von Virginiatabak und Sojabohnen zu sichern.

Stans hat dafür gesorgt, daß rechtzeitig bekanntgeworden ist, welche Güter als Vergeltung bei der Einfuhr in die USA behindert werden könnten. An der Spitze der "schwarzen Liste" stehen mit einem Exportwert von zwei Milliarden Mark Automobile aus der Bundesrepublik – also vor allem Volkswagen. Nach dem "Hähnchenkrieg", der nur den VW-Transporter getroffen hat, droht nun ein viel ernsterer "Bohnenkrieg". Ein US-Unterhändler: "Wenn die EWG eine Fettsteuer beschließt, ist unser Sojaexport bedroht – dann handeln wir sofort."

Nun kann man fragen, mit welchem Recht ausgerechnet Vertreter eines Landes gegen "europäischen Protektionismus" polemisieren, das selbst immer höhere Handelsschranken aufrichtet. Die Sündenliste, die wir den USA präsehtieren können, ist lang: Beschränkung der Importe von Käse und Tomaten, von Büromaschinen und Stahl, Aufrechterhaltung des Chemie-Sonderzolls, dessen Abbau längst versprochen ist. Aber was soll es – längst vergangen sind die glücklichen Tage von Genf, als Europa sich bei den Verhandlungen der Kennedy-Runde zum letztenmal einig zeigte und einen fairen Kompromiß durchsetzen konnte.

Heute ist die EWG, durch inneren Zwist und die schleichende Krise in Frankreich halb gelähmt, viel zu schwach, um amerikanischem Druck widerstehen zu können. Und Maurice Stans ist entschlossen, diese Gunst der Stunde zu nutzen: Bereits am ersten Tag seiner Verhandlungen in Europa gab er zu Protokoll, er sei gekommen, um "Handelsschranken niederzureißen" – um wenig später hinzuzufügen, die Europäer müßten neue Maßnahmen zum Schutz der amerikanischen Textilindustrie vor ausländischer Konkurrenz "selbstverständlich akzeptieren". Diether Stolze