Von Marcel Reich-Ranicki

Noch ein eleverer, ein gewandter und gewitztter Schreiber und nicht mehr? Sehr möglich. Oder haben wir doch Anlaß, ein neues, wirkliches Talent zu begrüßen?

Ich bin meiner Sache da durchaus nicht sicher. Was ich im stillen vermute und hoffe, kann ich vorerst weder schlüssig beweisen noch hinreichend belegen. Eigentlich ist sein Büchlein, eine kleine Sammlung mit allerlei Skizzen, Miniaturen und Etüden, eher dürftig geraten. Aber dieser Autor gefällt mir –

Wolf Wondratschek: "Früher begann der Tag mit einer Schußwunde"; Reihe Hanser 15, Hanser Verlag, München; 82 S., 5,80 DM.

Geboren wurde Wondratschek im Jahre 1943. Er gehört also jener literarischen Generation an, die sich bisher am deutlichsten, glaube ich, in der Prosa von Rolf Dieter Brinkmann, in den Sprechstücken von Peter Handke und in den Bühnenwerken von Martin Sperr artikuliert hat. Alle diese Schriftsteller wurden während des Zweiten Weltkriegs geboren.

Natürlich sind es sehr verschiedene Individualitäten, die sich glücklicherweise nicht unter einen Hut bringen lassen. Was sie dennoch miteinander gemein zu haben scheinen, ist die (keineswegs alltägliche) Verbindung einer bisweilen schon unheimlichen Rage mit imponierender Zielstrebigkeit und auch Selbstbeschränkung.

Das zeigt sich unter anderem darin, daß es ihnen sehr rasch gelang, jene Themen zu finden, in denen sie ihr Verhältnis zur Umwelt mit maximaler Klarheit und Schärfe formulieren konnten, und daß sie diese Themen nicht nur mit bohrender Intensität behandeln, sondern auch mit immerhin erstaunlicher Konsequenz.