Uneins sind Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände über Ausmaß und Wirkung der Lohnerhöhungen der vergangenen drei Monate. Uneins sind sie auch über die künftige Marschrichtung.

Der DGB behauptet, daß die durchschnittlichen Tariflohnsteigerungen im ersten Quartal dieses Jahres – betroffen wurden rund sechs Millionen Arbeitnehmer – 6,4 Prozent betrugen und sich damit preisneutral im Rahmen des lohnpolitischen Orientierungsdatums gehalten hätten.

Die BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) spricht von einer Steigerung des Tariflohnaufwandes um 7,5 bis 9 Prozent, womit die Löhne nicht nur die für 1969 vorgesehene Marge weit überschritten hätten, sondern auch die Preise in Bewegung bringen würden.

Die Wahrheit liegt auch dieses Mal etwa in der Mitte.

  • Tatsache ist, daß zu den vom DGB errechneten 6,4 Prozent die sogenannten Nebenleistungen (Verbesserungen der Lohnstruktur, Arbeitszeitverkürzungen) hinzugerechnet werden müssen. Wenn man die vom Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Gewerkschaften (WWI) errechneten Kosten der Extras in Höhe, von einem Prozent als richtig unterstellt, wären das zusammen 7,4 Prozent.
  • Tatsache ist, daß diese 7,4 Prozent um etwa ein Prozent über dem lohnpolitischen Orientierungsdatum des Jahreswirtschaftsberichts der Bundesregierung (5,5 bis 6,5 Prozent) liegen.
  • Wahrscheinlich ist, daß aber auch die dem Jahresbericht zugrunde gelegte Zuwachsrate des realen Sozialprodukts (4,5 Prozent) überschritten werden wird. Bei einer um ein Prozent über die ursprünglichen Erwartungen hinausgehenden volkswirtschaftlichen Expansion – womit einige Konjunkturexperten bereits rechnen – wären Tariflohnsteigerungen um 7,4 Prozent nicht nur konjunkturgerecht, sondern auch preisneutral.

Die von den Arbeitgebern befürchteten Gefahren für die Preisstabilität kommen denn wohl auch aus einer anderen Ecke als von überhöhten Lohnsteigerungen.

Die Einführung der Lohnfortzahlung für kranke Arbeiter – Termin 1. Juli – und die von den Koalitionsparteien anvisierte Heraufsetzung der Pflicht- und Beitragsgrenzen in der gesetzlichen Krankenversicherung werden sich in den Betrieben, nach Arbeitgeberrechnung, in einer Erhöhung der Lohnkosten um weitere zwei bis drei Prozent auswirken.