Eine Jubiläums-Photoausstellung

Porträt, sagt die Photographin Liselotte Strelow, ist nicht Abbildung von Äußerlichkeiten, sondern "Ausdruck einer seelischen Existenz". Man kann darüber Ausführliches lesen in ihrem erfolgreichen Buch über "Das manipulierte Menschenbildnis". In Hamburg wurde sie vorige Woche mit der David-Octavius-Hill-Medaille von der "Gesellschaft deutscher Lichtbildner" ausgezeichnet. Die elitäre, sich als eine Art Akademie der photographischen Künste verstehende Photographenvereinigung, wird in diesem Jahre fünfzig Jahre alt. Ein paar jungen Photographen zum Trotz ist sie eine mittlerweile leicht ergraute Versammlung. Nur wenige kennen sie, es gibt zu viele, andere, sicherere Gradmesser für außerordentliche Leistungen als die seltenen, nach strenger Prüfung verliehenen Buchstaben GdL hinter dem Namen. Und die Photographie braucht auch nicht mehr um Anerkennung zu ringen oder sie sich selber zu bestätigen. Die jetzt zum Jubiläum zusammengestellte Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, "foto-selection" betitelt, gibt gleichwohl eilen Eindruck von guter Photographie und ihrer allmählichen Wandlung. Man kann sie, zum Beispiel, auch an diesen hier gezeigten fünf Arten des Porträts ablesen: Da ist das halb zufällige, halb beeinflußte "Bildnis des Grafiker" Gelbke" von Max Fiedler, da ist das geduldig und phantasievoll gebildete (Kunst-)Bild Oscar Fritz Schuhs von Liselotte Strelow, da ist das Gag-Bildnis von Stefan Moses, der den Versandkaufmann Schickedanz (und andere) mit Hunden hocken ließ, da ist dann das dokumentarische, realistische, im einzigen richtigen Moment getroffene Bild Barnards von Max Scheler, die modernste Variante der Gattung Porträt. Als Kontrast zu so packender Unmittelbarkeit steht das (Negativ-)Porträt eines Körpers von Otto Steinert, ein rein ästhetisches, um Schönheit bemühtes Unternehmen. Manfred Sack