Karl Kaiser: "German Foreign Policy in Transition"; Oxford University Press; London 1968; Paperback; 153 S.

Die Kunst, einen politischen Essay zu schreiben, anspruchsvoll im sprachlichen und intellektuellen Niveau, breit genug, um Probleme nicht nur anzurühren, sondern sie auch wirklich zu erörtern, gehört nicht zu den Gaben, die in deutscher Sprache eben weit verbreitet sind. Bestätigt wird diese Meinung, wenn uns Karl Kaiser, einer der klügsten, jüngeren Kenner und Interpreten der deutschen Außenpolitik, der gegenwärtig an der Bonner Universität lehrt, mit seinen Gedanken zuerst in englischer Sprache vor Augen kommt.

Aus einem langjährigen Studium am internationalen Zentrum der Harvard-Universität hervorgegangen, stark beeinflußt von Henry Kissinger und Stanley Hoffmann, präsentiert uns Kaisers Essay nicht mehr und nicht weniger als die bislang umfassendste Summe all der Fragen, denen sich die Bundesrepublik ausgesetzt sah, als sie ihren Widerstand gegen die allgemeine Tendenz der weltpolitischen Entspannung in Europa aufgab. Die Bonner Politik fiel spätestens mit der Bildung der Großen Koalition in den Rhythmus der Bewegung ihrer Nachbarn in Ost und West; in neuer Atmosphäre und Offenheit suchte sie Wege und Chancen für einen verbesserten deutschen Status quo.

Vielleicht ist Kaisers Gesamtbild zu optimistisch. Er hat nämlich nur auf die Möglichkeiten zu selbständigerer Deutschland- und Ostpolitik seine Perspektive gerichtet, selbst ein so wichtiger Bereich westdeutscher Außenpolitik wie der Wandel in der westlichen Allianz und der westeuropäischen Integration bleibt unberührt. Diese Verkürzung bietet jedoch den Vorzug der Systematik und der Konzentration des Arguments.

Der Weg von der spätestens an der Berliner Mauer zerbrechenden Ära Adenauer über die Außenpolitik Gerhard Schröders bis hin zur Regierung Kiesinger/Brandt wird in der großen innerdeutschen publizistischen Debatte um das Verhältnis der beiden Teile Deutschlands zueinander gespiegelt. Es ist kein Einwand gegen die wissenschaftlichen Qualitäten des Verfassers, wenn man ihn kritisch fragen möchte, ob er dabei die Eigenständigkeit Gerhard Schröders nicht ebenso unter- wie die Bedeutung der Publizisten beim Übergang zur Großen Koalition überschätzt.

Karl Kaiser kennt die angelsächsische Theorie der internationalen Politik wie kaum ein anderer, und so kann er denn auch überzeugend Fakten und allgemeine Begriffe in Deckung bringen. Nichts klingt hölzern oder abstrakt, wenn von System, Interdependenz und Interaktion die Rede ist. Die Sachverhalte nationaler Außenpolitik lassen sich, wie Kaiser bezeugt, in der Tat theoretisch so durchdringen, daß auch die Praxis davon profitiert. Man legt den schmalen Band angeregt aus der Hand und wünscht sich mehr in solch gekonnter Manier. Waldemar Besson