Von Hellmuth Karasek

Die historischen Schauspiele im Schiller-Epigonentum gleichen sich im Grunde wie ein Ei dem anderen, ob die Handelnden nun Sarazenen oder Hugenotten, Römer, Perser oder Ritter sind, ob der Konflikt sich fromm vor die biblische Legende kniet oder sich trutzig um vaterländische Gedanken schart. Stets herrscht eine Gesinnung vor, die mit dem Attribut "wacker" hinreichend umschrieben ist, stets geht es um Freiheit "hie" und Unrecht "dort", die Helden stehen fest und wanken nicht – kein Wunder: sie stehen ja auf den fünf Füßen der Blankvers-Jamben, was ihnen Gelegenheit gibt, erregte Repliken hervorzuschleudern und Einsichten zu geflügelten Worten werden zu lassen. Man hat das Gefühl, sie haben nicht nur ihre hehr-idealen Ziele vor Augen, sondern spekulieren auch darauf, den Eintritt in den Büchmann zu erstreiten. "Wohlan denn!" heißt eine ihrer Lieblingsredensarten, und selbst dort, wo sie nicht wirklich "Traun fürwahr" sagen, meinen sie es so.

Es mag verwundern, unter dieser Spezies auch ein Werk des Arbeiterführers Ferdinand Lassalle vorzufinden, denn an sich ist diese Gattung schon im letzten Jahrhundert den pensionierten Oberlehrern und Vereinsmeiern vorbehalten geblieben, die sich aus Schillers Lorbeer ihr patriotisches Süppchen kochen wollten, indem sie gegen "welsche Art" dramatisch zu Felde zogen. Man sagt ja so gern, daß deutsche Revolutionen im Saale stattfinden. Noch eigentlicher finden sie jedoch im Drama statt.

Lassalle, der später den Sozialismus in Bismarcksche Dienste zu verschachern suchte, schrieb seinen "Franz von Sickingen" 1858, vor allen Dingen wohl in Hinblick auf die gescheiterte 48er Revolution, in der er an der Seite Marxens mitgestritten hatte.

Schon, Marx – und das allein spricht sehr für ihn – gefiel das Sickingen-Drama gar nicht: "Du hättest", so warf er dem Kampfgefährten vor, "...mehr shakespearisieren müssen, während ich dir das Schillern, das Verwandeln von Individuen in bloße Sprachröhren des Zeitgeistes als bedeutendsten Fehler anrechne."

Präziser läßt es sich kaum sagen. "Franz von Sickingen" ist eine jener historischen Maskeraden, in denen einer das Beste versucht und darob zugrunde geht. Der Held streitet für Luther, Gott und Vaterland, für Freiheit, Recht und Ordnung – aber, er begeht (was bleibt ihm in einem historischen Schauspiel auch anderes übrig?) einen tragischen Irrtum. Anstatt sich an die Spitze der Bauernbewegung zu stellen, sucht er seine wahren Absichten hinter einer Privatfehde mit dem Erzbischof von Trier zu verschleiern. Er meint, sich erst die kurfürstliche Macht erobern zu müssen, um von da aus das Volkskaisertum erstreiten zu können.

Lassalles politische Einsicht: "Revolutionäre Ziele können nicht mit diplomatischen Mitteln erreicht werden." Mag sein. Aber wenn man einen solchen Lehrsatz mit einem Stück zu verwirklichen sucht, das bläßlich nur berühmte Schiller-Auftritte kopiert, dann wirken die Helden wie jene Jahrmarktsattraktion, die "Dame ohne Unterleib" heißt. Statt gesellschaftliche Prozesse sichtbar zu machen, statt die Konflikte der Luther-Zeit zu verdeutlichen, begnügt sich das Stück damit, heftige Worte um sich zu schleudern. Franz tritt vor den Kaiser, als gelte es, auf einer Schulschlußfeier den Marquis-Posa-Auftritt zu reproduzieren. Die kurfürstlichen Gegner kommen zu Franzens die Stadt Trier belagernden Haufen wie jener Sendbote des Rechts, der in den Böhmischen Wäldern die unerschütterliche Treue von Karls Räuberhaufen nicht erschüttern kann. Wiederum drängt sich einem Marx in den Sinn, der über Lassalles Bismarck-Flirt spöttelte, Lassalle habe den "Posa am Hofe des schönen Wilhelm, des uckermärkischen Philipp II. spielen" wollen.