Berlin

Als Hannelore Kaub 23 Jahre alt war, setzte sie ihre Beerdigung bei 30 an. Wenn sie dieses Alter erreicht hätte, dachte sie damals, müsse Schluß sein mit dem Kabarett. Diese aus jugendlichem Ewigkeitsdünkel zu knapp anberaumte Frist hat Hannelore Kaub um zwei Jahre überschritten. Jetzt, mit 32, liegen die Gründe, ihr "Bügelbrett" aufzugeben, weniger in ihrem früheren Leitsatz "Kabarett" nur solange ich jung bin", als darin, angeborenes Talent nicht genug sein zu lassen.

Denn, einige man sich auf eine Lebenserwartung von 80 Jahren, dann sei nicht einzusehen, mit dem Bildungsstand von 30 auch die nächsten fünfzig Jahre zu bestreiten. Hannelore Kaub, die in Heidelberg vom publizistischen ins Dolmetscherstudium überwechselte, weil sie Korrespondentin an ausländischen Fronten werden wollte, dann in acht Jahren eine Spitzenfigur des deutschen Kabaretts wurde, belegt jetzt Volkswirtschaft an der Freien Universität. Von Volkswirtschaft erwartet sie die Substanz für das, was sie noch an "Politischem" machen will.

Am 31. Mai schließt das "Bügelbrett, Basisgruppe Berlin" mit seinem letzten Programm "Trotzdem... rot ist die Hoffnung – Hommage à, Bloch". Die "Ewige Lampe" in der Rankestraße, in ihrer Verschlissenheit fast schon zu modellhaft für Brettl-Armut, als Kompoststübchen der Zeitkritik beinahe schon zu ausgelaugt, wird verkauft. Und zu einer Häufung von Umständen, die der Kabarettistin den – vorläufigen – Schluß, erleichtern, kommt hinzu: ihr oft vergeblicher politischer Anspruch an ein Ensemble. Als Chefin braucht sie internes Echo. Und das nicht erst, wenn der Presse das Programm gefallen und das Publikum geklatscht hat. Politische Solistin will sie nicht sein. Politische Gedanken müßten auch auf der Bühne die Mehrheit haben. Hannelore Kaub versucht sich auf beiden Positionen: Schauspieler hätten ein Recht auf Effekt – und "Zucker ist ihnen die Hauptsache", sagt sie. Denn sie braucht gute Schauspieler für gutes Kabarett. Politisch engagierte, doch mimisch dilettantische Verkünder ihrer Texte bringen gar nichts.

Das Team, das ihr vorschwebt, sprengt ohnehin die kleine Besetzung einer Kabarettbühne. Mehr müßten es sein, eine opernhafte Menschenfülle, beste Chargen und Solisten, dazu Aufwand an Raum und Kostümen. Weg vom Agitprop zum Musical. Mit solchen Mitteln dann eine wohltätige Unesco-Nacht beim Fürsten von Monaco schildern, mit einem Kostümierungsmotto: "Revolution" etwa, wobei der Fürst Che Guevara wird, Gunther Sachs vielleicht Dutschke. Alle stecken in den Häuten ihrer Feinde. Sie hat mit ihrem geschiedenen Mann eine Wette über 5000 Mark abgeschlossen, eher als er seine Doktorarbeit ein politisches Musical geschrieben zu haben. Den "schmalen Grad" finden –, denn "Zwischentöne sind die wichtigsten Waffen gegen den Krampf im Klassenkampf" – von dort zuschlagen, ohne etwas Falsches zu sagen.

Die Programme der letzten fünf Jahre hat sie allein getextet. Ihre Themen waren meistens um eine Glasur empfindlicher als die anderer Kabaretts. Wenn andernorts italienische Bademeister-Affären die gesellschaftskritische Pointe auslasten mußten, wenn die Refrains bis zur Belästigung auf "wirtschaftswunderlich" endeten, hatte sie feinere Facetten aus dem Bereich der Scharnow-Züge. Das Reisebuspublikum fuhr selten bei ihr vor.

Jetzt, wo sie Schluß macht, spricht sie von Ermattung. Sie brauche Ferien, Zeit für Bücher, aus denen sie mehr als nur die Kernsätze will. Sie müsse einmal speichern, ohne gleich die Vorräte wieder anzurühren. Sie ist nervös, trinkt schon zum Frühstück Coca-Cola und hört nicht auf, sehr viel von sich zu wollen. Im Augenblick schreibt sie Songs für ein Stück in der Werkstatt des Schillertheaters: "Das Heim" – es handelt von der sozialen Endstation. Prominentsein findet sie hemmend. Das Urteil "intellektuelle Frau" lästig. "Die Männer haben Schiß", denn mit einem Namen verkrampft man sich die Umwelt. Hannelore Kaub ist jedoch eher schüchtern, unsicher, weil sie denkt, man denke...

Marie-Luise Scherer