Von Alex Natan

Die Phänomenologie ist die Lehre von den Wesenserscheinungen der Dinge. Wer ihre Methoden und Erkenntnisse einmal auf den Sport anwenden möchte, findet im Rugby ein ausgezeichnetes Experimentierfeld für diese Zwecke. Der Rugbysport ist ein Mannschaftsspiel, das heute von 53 Nationen gespielt wird. Er ist der ältere Bruder des Fußballs und sollte keineswegs mit dem sogenannten "amerikanischen Fußball" verwechselt werden, einem Sport, der die rüdesten Erscheinungsformen beider Spiele angenommen hat, nur in den Vereinigten Staaten gespielt wird und dort alljährlich jene Todeszahlen zu verzeichnen hat, die erregte Schlagzeilen schreiben und deren Opfer dann dem Rugby in die Schuhe geschoben werden. In Wirklichkeit geschehen beim Rugby ebenso viele und ebenso wenige Unfälle wie in jeder anderen Sportart.

Das Phänomen des Rugby liegt, von einer soziologischen Warte aus betrachtet, weniger in seinem dramatischen Ablauf vor verhältnismäßig wenig Zuschauern, wenn mit dem Fußball verglichen, als in der höchst erstaunlichen Tatsache, daß dieses Spiel weder Europa- noch Weltmeisterschaften kennt und im Programm der Olympischen Spiele unbekannt ist. Verglichen mit. anderen Ballspielen müßte das Rugby wesentlich stärker im Vordergrund internationaler Wettkampfinteressen stehen. Die Antwort auf die Frage nach diesen merkwürdigen Wesenserscheinungen im Rugby findet man in der antiquierten Struktur dieses Spieles.

Weshalb kein Weltpokal?

Im kommenden Jahr feiert die britische Rugby Union ihr hundertjähriges Bestehen, sechs Jahre Nachdem sich der Fußball organisatorisch selbständig gemacht hatte. Um dieses Ereignis gebührend zu feiern, hat sich eine führende britische Tabaksfirma angeboten, ein Weltturnier der führenden Rugby-Nationen zu finanzieren. Ähnliche kommerzielle Interessen möchten gar einen Weltpokal im Rugby ausgespielt sehen. All dies ist jedoch praktisch unmöglich, weil die vier britischen Mitglieder – England, Wales, Schottland und Irland – zusammen mit Neuseeland, Südafrika und Australien, mit denen sie im "International Board" sitzen, noch 1966 den völlig anachronistischen Beschluß gefaßt haben, daß "weder die Union noch irgendeine ihr angeschlossene Nation Geld oder finanzielle Unterstützung von einer kommerziellen Firma oder einer Einzelperson in ihrer kommerziellen Kapazität annehmen darf". Daher ist jede Rugbybegegnung auf internationaler Ebene solange unmöglich, solange sie finanzielle Unterstützung erfahren würde. Ein solches Wettspiel oder Turnier ist in jeder Weise undenkbar und undurchführbar, solange der "International Board" nicht seinen Beschluß mit einer Dreiviertelmajorität abändert.

Es wäre allerdings denkbar, daß Rugby auf dem Programm der Olympischen Spiele von 1976 erscheinen könnte, falls diese in Los Angeles abgehalten würden. Sie gelten ja paradoxerweise als ein nicht-kommerzielles Ereignis, das in diesem Fall von der erstaunlichen Ausbreitung des englischen Rugby in den Staaten profitieren könnte, nachdem Rugby seit 1924 vom olympischen Programm gestrichen worden ist. Zu diesem Zweck ist im vergangenen Jahr bereits in Chikago eine "Amerikanische Rugby-Union" gegründet worden. Welchen dynamischen Charakter die Popularität dieses englischen Spiels angenommen hat-, läßt sich daraus ersehen, daß sich die Zahl der Vereine in der letzten Dekade verzehnfacht hat, das heißt von 30 auf 300 angestiegen ist. Selbst Hawaii, der 50. Staat, besitzt bereits sieben Rugbyklubs.

Widerstand der Engländer