Unser Kritiker sah:

DIE MONDFRAU

Komödie von Peter Bürki

Atelier-Theater in Bern

Das Düsseldorfer Schauspielhaus und, das Braunschweigische Staatstheater hatten in der verflossenen Woche zwei deutschsprachige Erstaufführungen kurzfristig abgesagt. So wurde zum aktuellen Ereignis die Uraufführung des Schweizer Autors Bürki. Die Stippvisite bei einer Privatbühne in der eidgenössischen Bundeshauptstadt hat sich gelohnt. Während der Pause können sich die Besucher des schicken Kellertheaters oben, ebenerdig, in einem Restaurant erfrischen. Die meisten stiegen jedoch auf eine Zigarettenlänge noch tiefer in den Keller hinab, um dort eine Kunstausstellung zu besichtigen.

Das Berner Atelier-Theater spielt seine Stücke en suite. Dabei kann es nur von gemischter Kost leben. Direktor Ernsthoff rechnet in seiner Hauszeitschrift nach, daß Mrozeks "Tango" bei ihm 2847 Besucher, "Die Heimkehr" von Harold Pinter 2490, "leichte Ware" hingegen doppelt bis dreimal soviel Zuschauer erreiche. Zum Ausgleich von "nur 17 zahlenden Gästen" in einer "Heimkehr"-Vorstellung wurde also "Die Mondfrau" uraufgeführt. Sie hätte auch in einem Berliner oder Wiener Boulevardtheater bestehen können.

Der Berner Peter Bürki (Jahrgang 1915) hat außer drei Romanen 15 Stücke geschrieben. Sie wurden zwar alle gespielt, doch nicht von den großen Bühnen. Nur die Komödie "Bezaubernde Mama" erkletterte 1964 in Deutschland die Spitzengruppe der drei beliebtesten Fernsehspiele. Gleichwohl ist Bürki ein Bühnenautor. "Die Mondfrau" beweist es. Mit der Titelfigur wird die Gattung gegen den Strich gebürstet. Jeanne ist eine reife Salondame. Sie benutzt ihr wohlsituiertes Dasein, um unter der glitzernden Oberfläche Ordnung, Rechtlichkeit, Wahrheit zu stiften. Das Dienstmädchen zum Beispiel ist eine vorbestrafte Diebin, deren Rückfälligkeit von Madames Menschenkenntnis beschämt wird. Sie lädt auch einen vergammelten Medizinstudenten als Hausgast ein, damit er sorglos arbeiten kann. Er wird jedoch von einer Tratschkolumnistin in das süße Leben eines Gigolo entführt. Die Probe auf ihren Glauben an das Gute hat die Frau, die moralisch scheinbar auf dem Monde lebt, in ihrer eigenen Ehe zu bestehen. Wie Jeanne sich dabei verhält, darin liegt – von Überraschungen belebt – der Reiz des Stückes.