München

In München steht nicht nur ein Hofbräuhaus sondern auch ein Siegestor. Was dann auch in Reiseführern vermerkt wird: "Den Abschluß der Ludwigstraße bildet im Norden das berühmte Siegestor. Dahinter beginnt Schwabing..." Aber auch Sieger können zur unbewältigten Vergangenheit werden. Das beweist der Kampf um dieses Tor, der in unseren Tagen ausgetragen wird. Die Beteiligten: Stadtbaurat, Stadträte, Architekten, bürgerliches Fußvolk. Schlachtenziele: Die einen wollen, daß das Siegestor wieder seine "Quadriga" erhält, vier bayerische Löwen und Stammesmutter Bavaria auf dem Imperator-Karren. Die anderen sind gegen die Rückkehr der Löwen aufs Siegestor. Derzeitiger Stand der Schlacht: 1:0 für die Löwen.

Gehen wir chronologisch vor: Zur Erinnerung an die Leistungen des bayerischen Heeres in den Befreiungskriegen 1814/15 gegen Napoleon ließ Bayernkönig Ludwig I. am nördlichen Ende der von ihm inspirierten Prachtstraße das Siegestor errichten. Als Vorbild der dreitorigen Triumphanlage diente der Konstantinsbogen in Rom. Doch auf dem Münchner Tor thronte nicht, wie üblich, die stadteinwärts von Rossen gezogene Quadriga mit Siegesgöttin Victoria, vielmehr zog Bavaria victrix den siegreichen Heimkehrern entgegen.

Das Münchner Siegestor wurde Sehenswürdigkeit, Straßenbahnhaltestelle, Verkehrsengpaß und Grenzstein zwischen bürgerlichem Stadtrevier und verruchtem Künstlerviertel. Dem Adolf Hitler kam es nebenbei sehr gelegen als Panorama für Paraden und Demonstrationen deutscher Kunst. Im Zweiten Weltkrieg erlitt allerdings auch das Siegestor beträchtlichen Schaden. Vom Luftdruck einer Bombe aus den Angeln gehoben, stürzte die Quadriga auf den harten Asphaltboden der Ludwigstraße.

Das demokratische München entschied sich nach langer Diskussion für eine gute Lösung des Problems Siegestor. Die lädierte Quadriga verschwand, der beschädigte obere Teil des Denkmals wurde 1958 schnörkellos vermauert und an der Südseite ein Mahnspruch des Münchner Universitätsprofessors und Theaterkritikers Hanns Braun angebracht: "Dem Sieger geweiht. Vom Krieg zerstört. Zum Frieden mahnend."

Doch Olympia 1972 steht bevor, München denkt wieder an Sieg, und Stadtbaurat Edgar Luther fand, daß bis zu den Olympischen Spielen wieder die Quadriga auf dem Tor sein müsse. Natürlich nur der "Silhouettenwirkung" wegen. Alt- und Neubürger des Millionendorfes erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß die vor einem Vierteljahrhundert auf die Nase gefallenen Löwen samt Siegeswagen noch immer ein. bitteres Dasein in einem städtischen Bauhof fristen.

Die Stadträte aller Fraktionen kämpften mit ihrem Gewissen. Hier die evakuierte Sieges-Quadriga, dort der Sinnspruch, der zum Frieden mahnt. In der Hoffnung, es der Mehrzahl der jeweiligen Wähler recht zu machen, stimmten die Stadträte der SPD und CDU schließlich doch einträchtig dafür, daß der Löwenkarren an seinen alten Platz auf dem Siegestor zurückkehren soll.