Von Alexander Rost

Die Katastrophe kam nach einem fetten Essen. Sie waren zwischen Scylla und Charybdis gesegelt; und dann, berichtet Odysseus, legten wir das gutgebaute Schiff in einem ausgebuchteten Hafen an, nahe dem süßen Wasser. Dort saßen sie wie in der Falle. Der Wind war umgesprungen, und es wehte den ganzen Mond hindurch der Süd, und kam alsdann kein anderer auf von den Winden, außer dem Ostwind und wieder dem Süd. Der Wind blockierte die Insel.

Sie mußten lange warten, bis er aus Westen zur Heimfahrt blies. Sie warteten länger, als der Proviant reichte, und gingen auf Fang aus, in der Not umherstreifend, nach Fischen und nach Vögeln und was ihnen auch in die Hände kam, mit krummen Haken, und der Hunger zerrieb ihnen den Magen. Das aber war das Ärgste: Während sie allerlei Kroppzeug verzehrten, lief ihnen Steak-Getier genug vor dem Munde herum; denn just auf dieser Insel weideten die Rinderherden des Helios, und kein Stück aus der gut gelungenen Zucht des Sonnengottes durfte von den Männern des gut gebauten Schiffes geschlachtet werden.

Die Weissagungen ließen da keinen Zweifel: Fürchterliches Unheil würde die Folge sein. Doch als ich mich, durch die Insel gehend, entfernt hatte, heißt es im Bericht des Odysseus, dem ersten in der Weltliteratur übrigens, der in Ichform gehalten ist, da umkam mich der süße Duft von Fettdampf. Der Hunger, von jeher der große Aufwiegler der Seeleute, hatte sie alle Weissagerei in den widerlichen Wind schlagen lassen. Sechs Tage schmausten darauf die mir geschätzten Gefährten, nachdem sie sich von den Rindern des Sonnengottes die besten herbeigetrieben hatten. Am siebten Tage konnten sie endlich in See gehen.

Das Unheil zog in einer dunklen Wolke herauf. Es verfinsterte sich unter ihr das Meer. Es kam mit eins der sausende West, mit einem großen Sturmwind wütend, und der Wirbel des Windes zerriß die Vordertaue am Mastbaum beide. Der stürzende Mast erschlug den Steuermann. Zu allem Überfluß gab es Blitzschlag. Das Schiff brach in den Böen auseinander. Alle Mann ertranken, nur Odysseus nicht, dessen Bericht, wenn man einmal von den kunstvoll gesetzten Worten der Dichtung und den Mühen der Übersetzung sich nicht ablenken und Helios nebst Weissagungen außer acht läßt, im Grunde nüchtern und exakt im Sachverhalt darlegt, was einem (auch heute noch) in einem Gewitterzyklon im Mittelmeer passieren kann. Und weil im Tiefdruckgebiet der Wind (auf der nördlichen Erdhalbkugel) entgegengesetzt zum Uhrzeiger dreht, folgte dem West prompt der Süd, der Odysseus auf einem Floß aus Wracktrümmern nun zurück durch die Scylla-und-Charybdis-Enge nach Norden trieb, Zur Insel der Kalypso. Dort wird’s zwar wieder sagenhaft; aber wie die Geschichte vom Schiffbruch, so enthält die gesamte Odyssee eine Fülle unmißverständlicher und sich nie widersprechender Angaben über Meteorologie und Navigation. Man kann sie lesen wie eine Segelanweisung und wie ein Logbuch.

Das hat zuerst Ernle Bradford getan, der als Navigationsoffizier auf einem Zerstörer der britischen Mittelmeerflotte die Odyssee in der Tasche hatte und nach dem Kriege auf kleinen Segeljachten sieben Jahre lang seine "Reisen mit Homer" (Scherz Verlag, München) unternahm. Und das taten nun die Brüder Hans-Helmut und Armin Wolf, Architekt der eine, der andere wissenschaftlicher Assistent am Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte. "Der Weg des Odysseus" heißt ihr Buch (Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen; 39,– Mark); es ist nicht bloß Lektüre, wochenlang kann es den aufgeschlossenen Leser in Atem halten.

Die Frage, wo überall Odysseus sich während des Dezenniums seiner Fahrt wirklich aufgehalten habe, ist kaum weniger alt als die Odyssee selbst. Die Versuche, sie zu beantworten, sind von strengen Graecisten freilich als "müßiges Spiel" oder auch "Unfug" disqualifiziert worden; Albin Lesky schreibt in seiner "Geschichte der griechischen Literatur" zum Beispiel: "In Wahrheit spielen die Abenteuer der Odysseusfahrt in einem Märchenlande, weit außerhalb der Welt, die zur Zeit der Entstehung (der Odyssee) bekannt war." Und im "Wörterbuch der Antike" von Hans Lamer steht: "Weil es sich um Märchen handelt, ist die immer wieder versuchte Lokalisierung der einzelnen Abenteuer völlig aussichtslos."