Von Nieter O’Leary

Wer die Psyche der Afrikaner begreifen will, muß ihre Tänze kennen. In den unverfälschten Volkstänzen offenbaren die Menschen nicht nur ihre Sehnsüchte, sondern auch ihre Beziehungen zu der ihnen bekannten Welt. Afrikanische Tänze stimulieren sogar den Zuschauer, wenn er ein Organ dafür hat.

Kürzlich, als ich wieder mit einer Filmgruppe in Rhodesien war – wir wollten für eine Fernsehreportage eine Sequenz über den Ba-Tonga-Stamm drehen –, wurde ich vorher gewarnt, die Ba-Tonga wären unnahbar. Wir ließen uns jedoch nicht abhalten und fuhren auf den guten rhodesischen Straßen in die Nähe des Wanki-Nationalparks, wo dieser Stamm jetzt lebt. Die Bewohner waren auch genauso stur, wie mir gesagt wurde. Als ich durch das Dorf ging, grüßte kein Mensch. Selbst die Kinder, die sonst jeden Besucher umringen, verschwanden in die runden Hütten. Ein alter Mann, er mochte 35 oder 65 Jahre alt sein – bis heute habe ich noch nicht gelernt das Alter von Afrikanern zu schätzen –, blickte kaum auf, als ich vor ihm stand. Er setzte seine Arbeit fort, alte Nägel zu sortieren. Aber die interessierten mich nicht.

Meine Neugier erweckte eine halbmeterhohe Trommel, die hinter ihm an einem Pfosten lehnte. Mürrisch reichte er sie mir, als ich darum bat. Ich nahm die Trommel und improvisierte einen Tanzrhythmus, den ich in Südafrika gelernt hatte. Urplötzlich änderte sich die Situation. Die Dorfbewohner umringten mich. Sie sahen mich jetzt freundlich an und lachten sogar, während ich die Trommel bearbeitete. Wie durch Zauber erschienen junge Männer mit ihren eigenen Trommeln, meine wurde mir entrissen, ein neuer Rhythmus begann. Der Menschenhaufen um mich löste sich auf und begann zu tanzen, während hinter mir die beiden Kameraleute eifrig drehten. Der Kreis der Tänzer wurde immer dichter, der Tanz immer wilder und entwickelte sich zu einem Frage-und-Antwort-Spiel. Einer der Tänzer sang eine Frage, und die anderen antworteten im Chor. Wir Europäer wurden in den Tanz gerissen, unter anfeuernden Rufen unserer Mittänzer, und alle Unterschiede von Rasse und Herkunft waren vergessen. Die Ba-Tonga wurden zu unseren Freunden.

Später, als ich mir die Sache überlegte, kam mir erst zu Bewußtsein, daß wir Glück hatten, nicht in Südafrika zu sein. Dort hätte uns der Spaß sechs Monate Gefängnis eingetragen. Apartheid verbietet allzu menschliche Kontakte zwischen den Rassen. Wir waren jedoch in Rhodesien. Obwohl auch hier die politischen Probleme nicht gering sind, hindern bisher keine Gesetze die Beziehungen zu andersfarbigen Menschen.

Trotz aller Sanktionen ist Rhodesien noch immer eines der angenehmsten Reiseländer Afrikas. Es hat ein Klima, das dem Italiens gleicht. Schöne Städte, europäisch betont, wechseln mit grandiosen Landschaften. Allein das Matopos-Gebiet sieht mit seinen runden Felsen so urzeitlich aus, daß man jeden Moment erwartet, ein Riesensaurier könne aus einer der Höhlen treten. Dagegen ist die Parklandschaft in den Vumba-

Bergen ein Paradies. Mehrere tausend Hektar Land vollgestopft mit exotischen Bäumen und der gesamten Flora Zentralafrikas. Die Tierwelt in einem runden Dutzend Reservate ist von den Städten mit Flugzeugen, Eisenbahn oder auf den vorzüglichen Straßen leicht erreichbar. An Sambias Grenze liegen die Viktoriafälle, oder wie sie netter auf Sinbeli heißen: "Mosi-oa-Runya" ("Der Rauch, der donnert"). Der junge Zambesi stürzt donnernd auf zwei Kilometer Breite in die kochende, brüllende Tiefe, und ein sprühender Dunstvorhang verdeckt Sonne und Horizont. Auch einige der afrikanischen Geheimnisse hütet Rhodesien, die gespenstigen Ruinenstädte Khami und Zimbabwe, deren Pfade bis in die Vorgeschichte der Menschheit führen.