Hitler als japanischer Dramenschurke – Die treuen Hunde des Kabuki – Der Sumo-Ringer ist König

Von Gebhard Hielscher

Ist Tokio, was sein Theater anlangt, von Europa oder Amerika noch unterscheidbar? Ein Blick auf den Spielplan der letzten Wochen: von 13 Off-Ginza-Theatern bringen nur drei "reines" Japan, ein Gastspiel des traditionsreichen Puppentheaters aus Osaka, ein Volksstück über die Edeldame, die eigentlich ein Kranich war, und Takihiro Oshiros Parabel von der "Götterinsel" Okinawa. Im übrigen Ballett nach Musik von Mendelssohn, Beethoven, Prokofieff und Strawinsky, Pantomime mit Rolf Scharre, eine japanische Bearbeitung von Sophokles’ "Elektra", Stücke von Tennessee Williams und einigen anderen Amerikanern – und zweimal Hitler.

Brechts "Aufhaltsamer Aufstieg des Arturo Ui" hat viel Publicity, die Kritiker loben die interessante Aufführung im großen Nissei-Theater. Brecht über Hitler – damit kann man hier schon einen Saal füllen.

Einen anderen Hitler gab es in Shinjuku, dem aufstrebenden Einkaufs- und Vergnügungszentrum. Hier in Tokios Westend, wo Professor Minobe, sozialistischer Gouverneur der größten Stadt der Welt, sein neues Rathaus bauen möchte, zeigte das Wandertheater Roman Gekijo Hitler als Magier des Bösen. Minobe übrigens, der den Aufstieg des echten Hitler als Student in Berlin miterlebt hatte, wollte den Theater-Helden nicht sehen: eine Einladung zur Premiere schlug er aus.

Der Autor: Yukio Mishima, ein Erfolgreicher der Nachkriegszeit, ein Günter Grass Japans, bis zur Krönung Kawabatas in Stockholm einer der Nobelpreis-Verdächtigen hierzulande.

Sein Stück heißt "Mein Freund Hitler", ein Dreiakter für vier Personen: Hitler, der alte Krupp, Röhm und Gregor Strasser. Es geht um die Mordaktion vom 30. Juni 1934.