Als ich im September vergangenen Jahres, meine verehrten Leser, im Zusammenhang mit der Gründung eines Japan-Investmentfonds Ihre Aufmerksamkeit auf die japanischen Aktien lenkte, schien der Zeitpunkt zum Kauf eigentlich schon vorüber zu sein. Die Regierung hielt an ihrer bremsenden Konjunkturpolitik fest;’ tatsächlich gab es im vergangenen Herbst eine gewisse Durststrecke. Daß indessen die Anlage in manischen Aktien trotz der vorangegangenen Kurssteigerungen richtig war (und natürlich auch die Beteiligung am Japan-Fonds), hat die Entwicklung inzwischen bestätigt.

Für viele Leser läuft in diesen Tagen die sechsmonatige Spekulationssteuerfrist ab. Wer also vor mehr als sechs Monaten japanische Aktien erworben hat, kann sie jetzt veräußern, ohne den Kursgewinn versteuern zu müssen. Aber ist es richtig zu verkaufen? Werden die Kurse an der Börse in Tokio noch weiter steigen? Wie sind die Chancen?

In den letzten Wochen haben sich zahlreiche in- und ausländische Banken mit diesem Problem befaßt. Sie sind ziemlich einhellig zu der Auflösung gelangt, daß in den Kursen japanischem Aktien noch einige Reserven vorhanden sein müßten. Die Urteile stützen sich auf die relativ günstigen wirtschaftlichen Aussichten. Zwar dürfte sich das wirtschaftliche Wachstum in diesem Jahr verlangsamen; immerhin soll aber nach den Prognosen noch eine Steigerung des realen Bruttosozialprodukts um 9,8 Prozent erreicht werden, 1968 waren es allerdings 13 Prozent. Und dies bei leicht angezogenen Kreditzügeln.

Aber ebenso wichtig wie die allgemeinwirtschaftlichen Daten sind die zu erwartenden Unternehmensgewinne. Im Ende März beendeten Geschäftshalbjahr sind sie weiter gestiegen. Zum siebenten Male hintereinander fielen die Unternehmens-Halbjahresergebnisse höher aus als jeweils in den vorangegangenen sechs Monaten.

Fachleute glauben, daß sich in nächster Zeit innerhalb der japanischen Wirtschaft die Schwerpunkte verlagern werden; ein Punkt, den die Interessenten für japanische Aktien zur Kenntnis nehmen sollten. In der Zahlungsbilanz hat das japanische Fiskaljahr 1968 einen einmalig hohen Überschuß von 1,1 Milliarden Dollar gebracht. Er wird in diesem Jahr, so lauten die Schätzungen, auf 400 Millionen Dollar zurückgehen, weil man in den Voraussagen dem abgeschwächten wirtschaftlichen Wachstum in den USA ebenso Rechnung tragen muß wie möglichen protektionistischen Maßnahmen der Nixon-Administration. Der japanische Außenhandel ist sehr eindeutig auf Exporte nach den USA ausgerichtet und dementsprechend empfindlich.

Unsicherheitsfaktor Nr. 2 ist ein möglicher Friede in Vietnam. Japan ist zur Zeit mit über 50 Prozent an den kriegsnotwendigen oder kriegsabhängigen Lieferungen nach Vietnam beteiligt. Eine ähnliche Rolle, so schreibt das Hamburger Bankhaus Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co, wird Japan jedoch auch beim Wiederaufbau Vietnams spielen. Er dürfte jedoch andere Unternehmen als bisher begünstigen.

Hier werden deutlich die Aufgaben, der japanischen Wirtschaftspolitik sichtbar. Sie muß sich einmal auf einen sich verlangsamenden Export einstellen und, ohne seine Zukunft zu gefährden, die inländische Nachfrage stärken. Sie muß aber auch gleichzeitig für eine Dämpfung der inflationären Kräfte sorgen, ohne eine Arbeitslosigkeit heraufzubeschwören.