Von Helmut Salzinger

Peter Bichsel hat in seinem Nachwort gesagt, er kenne Norwegen nicht, und auf die Existenz einer norwegischen Literatur habe ihn erst der Übersetzer dieses Buches aufmerksam gemacht. Auch ich kenne Norwegen nicht, aber daß es eine norwegische Literatur gibt, hätte ich mir auch so schon gedacht, wenn ich auch von ihr nur ein paar Dramen Ibsens gelesen habe. Nun also kenne ich noch ein zweites Werk, nämlich das Buch von

Jan Erik Vold: "Von Zimmer zu Zimmer – Sad & Crazy", aus dem Norwegischen von Walter Baumgartner; Walter-Druck 16, Walter-Verlag, Olten/Freiburg; 80 S., 12,– DM.

Mag sein, wie Bichsel behauptet, daß es in diesem Buch Regionalismen gibt, die dem Kenner seine norwegische Herkunft verraten. Von entscheidender Wichtigkeit für das Verständnis der Texte scheinen sie mir nicht zu sein.

Jan Erik Vold gehört zum Jahrgang 1939, und ich nehme an, daß seine Generationszugehörigkeit für die Art seines Schreibens aufschlußreicher ist als seine nationale Herkunft. Er ist einer von den Schriftstellern um die dreißig, die beim Schreiben die meiste Zeit damit verbringen, am Bleistift zu kauen, wenn sie überhaupt dergleichen Gerät noch benutzen. Sie wollen immerfort Geschichten erzählen, und dann stocken sie schon beim ersten Satz. Bichsel selber gehört dazu mit seinen Geschichten und seinem angeblichen Roman, Lettau gehört dazu und Wondratschek, auch Tsakiridis mit seinen "Hallelujah"-Protokollen. Sie alle sind verhinderte Langstreckenerzähler, und ihre Schwierigkeiten beim Prosaschreiben ergeben sich zum nicht geringen Teil aus der Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Sprache.

Weil sie alle aber irgendwie auch Realisten sein wollen, bescherten sie uns eine neue Prosaform, die Kürzestgeschichte, in der höchstens noch Wirklichkeitssplitter Platz finden. Bei Vold nun werden sogar sie fragwürdig.

Ein nahezu programmatisches Beispiel: der erste Text in seinem Buch "Von Zimmer zu Zimmer". Er kann im vollen Wortlaut zitiert werden: "So ein rotierendes Ventil, wie man es zuoberst auf Kaminen sieht, nennt man das nun Wetterfahne oder Windhut? Ich schaute lange hin von diesem Frühstücksfenster und dachte Wetterfahne / Windhut, während sich das Ventil im wechselnden Winde hin und her bewegte, bald langsam, bald schnell, und die ganze Zeit Rauch aufstieg, Wind und Rauch und Ventil: Wetterfahne oder Windhut?"