Unfug mit Unschuld und Unzucht

Streicheln ist gefährlicher als Schlagen

Von Rudolf Walter Leonhardt

Mit seiner Freiheit büßt nach deutschem Strafrecht sowie nach der Strafgesetzgebung vieler anderer Länder, wer andere, die von ihm abhängig oder die minderjährig sind, zur Unzucht mißbraucht oder sie zu unzüchtigen Handlungen verleitet. Dabei heißen nicht nur "minderjährig", "abhängig" und "unzüchtig" in anderen Ländern anders – diese Wörter bedeuten auch überall etwas anderes! Es ist wohl der Mühe wert, den recht abstrakten Straftatbestand einmal aufzulösen in konkrete Details, einmal zu fragen:

Was ist das, "Unzucht"? Ist es dasselbe wie eine "unzüchtige Handlung"? Warum wurde dann im deutschen Strafgesetzbuch einmal dieser, einmal jener andere Begriff gewählt?

Was bedeutet "minderjährig"? Wie lange ist ein Mensch minderjährig, und wann wird er volljährig, wo läuft die Grenze und warum gerade da? Welche Begründungen gibt es dafür, daß einem Minderjährigen schadet, was einem Volljährigen guttut?

Schließlich: Wer ist abhängig? Oder vielleicht sollte man eher vom Gegensatz ausgehen: Wer ist, in dieser Welt der vielfältigen Abhängigkeiten, eigentlich "unabhängig"?

Während diese Fragen Erzieher und Ärzte, Politiker und Richter aller Zeiten und aller Nationen angehen, gibt es keine Sprache, in der dabei ein der deutschen "Unzucht" entsprechendes Wort ins Spiel käme. Das hat zu manchen Spekulationen geführt.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Ein solcher Begriff ist nur möglich in einer Sprachgemeinschaft, der die Herrschaft nicht nur etwas Geläufiges ist, in der nicht nur zum Recht der Herrschenden auch das Recht des Züchtigens gehört, sondern in der dieses Züchtigen der Schwächeren durch die herrschenden Starken ungeheuerlich positiv bewertet wird. Wer der Sprache nachlauscht, den schaudert, wenn sie ein besonders liebreizendes, anmutig unschuldiges Mädchen "züchtig" nennt; nur wo die Zucht als ein absoluter Wert gilt, kann die Unzucht als Unwert derart gesetzt werden, daß sie kriminellen Charakter annimmt.

So habe ich mir das alles von einem amerikanischen Juristen erklären lassen, der Rechtsphilosophie mit den Mitteln der Philologie betreibt.

Ganz so ist es freilich doch nicht. "Zucht" kommt ja ursprünglich nicht von "wichtigen", sondern von "ziehen" und meint im deutschen Mittelalter, was wir heute als gute Erziehung und gute Manieren bezeichnen würden. "Unzucht" bedeutete, folgerichtig, soviel wie Ungezogenheit, auch schlechtes Benehmen.

Freilich ist nicht zu leugnen, daß einem heute nicht mehr recht wohl sein kann bei dieser deutschen "Unzucht", die aus dem allgemeinen Sprachgebrauch so gut wie verschwunden ist, während sich die Sittenrichter ihrer so emsig wie nur je bedienen. Denn inzwischen sind die Assoziationen zu "Zucht" und "züchtigen" viel stärker geworden, als es die Etymologie zunächst rechtfertigt. Und inzwischen zielt das Wort immer schärfer auf sexuell unerwünschte Verhaltensweisen.

Dabei ist es kurios zugegangen. Eigene, von Exegeten noch nicht bestätigte Nachforschungen weisen auf Luthers Bibelübersetzung. Der Reformator hatte offenbar Schwierigkeiten, das sündhafte Treiben der Alten, gegen das Paulus so wetterte, in sein geliebtes Deutsch zu übertragen. Wo es eindeutig um Sexuelles ging, entschied er sich für "Hurerei" oder für "Ehebruch" (die beiden Wörter sind in der Luther-Bibel oft austauschbar), wo Sexuelles jedoch seiner Ansicht nach nicht impliziert war, schrieb er "Unzucht".

"Hurerei" muß den schwächeren Nachfahren als ein zu starkes Wort erschienen sein, das sich wenig eignete für Katecheten und Konfirmanden: Es starb aus; an seine Stelle trat, den Absichten Luthers durchaus entgegengesetzt, die "Unzucht", und aus der Sprache der Kirche kam das Wort in die Sprache des weltlichen Rechts, nun schon als "Gesamtbezeichnung für diejenigen strafbaren Handlungen ..., durch welche die nach der ethischen Volksanschauung dem Geschlechtsverkehr gesetzten Schranken gröblich verletzt werden", wie im Brockhaus 1895 recht schwammig definiert wird.

Viel weiter sind wir freilich im jüngsten Kommentar zum Strafgesetzbuch auch nicht gekommen. "Unzucht bedeutet das gleiche", erfährt der Laie da zunächst einmal zu seiner Verwirrung, "wie ....unzüchtige Handlungen‘", und das also sind, so sagt der gelehrte Jurist, der dieses Standardwerk kommentiert hat, "solche, die objektiv das allgemeine Scham- und Sittlichkeitsgefühl verletzen und subjektiv auf Befriedigung oder Erregung eigener oder fremder Geschlechtslust gerichtet sind".

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Eine derartige Definition, in der außer die-dasund-auf-oder kein Wort in seiner Bedeutung "objektiv" festgelegt werden kann, ist nur im Deutschen möglich. Aber auch deutsche Richter werden damit vor unlösbare Aufgaben gestellt.

Die Herleitung der sexuell verstandenen "Unzucht" aus der Bibel gewinnt an Wahrscheinlichkeit dadurch, daß der Straftatbestand, um den es hier geht, auch in den anderen europäischen Sprachen mit einem biblischen Wort bezeichnet wird, das im Englischen und Französischen "fornication" heißt.

Das ist ein sauberer, ein klarer, von jeder Zuchtrute weit entfernter Ausdruck, der genau Luthers "Hurerei" entspricht: fornicatio heißt, was sie im fornix taten, im Gewölbe eines Bordells. Fornication kann daher eindeutig definiert werden als "freiwilliger Geschlechtsverkehr einer unverheirateten Person mit einer Person des anderen Geschlechts unter Umständen, die nicht ehebrecherisch sind" – auch noch ein bißchen mühsam das, aber unmißverständlich.

Klare Begriffe allein sind freilich noch keine Gewähr für ein fortschrittliches, modernes Recht. Im Unterschied zu beinahe allen europäischen Ländern, zu denen in diesem Fall sogar Deutschland gehört, ist dieser "freiwillige Geschlechtsverkehr einer unverheirateten Person" in den meisten der Vereinigten Staaten strafbar – mit Gefängnis bis zu zwei Jahren, diese Strafe kann in Alaska verhängt werden.

Etwa als Kranzgeld ...

Trotzdem sollen die Amerikaner in Alaska, die Anspruch auf die strengste Moralgesetzgebung der Welt erheben dürfen, nicht tugendhafter sein als die Sowjets im benachbarten Sibirien, wo man sich von kirchlichen Moralvorstellungen weit entfernt hat.

In ganz Amerika wird allerdings kaum mehr jemand wegen "freiwilligen Geschlechtsverkehrs" verfolgt – aber die Gesetze halten sich hartnäckig in den Statuten-Büchern, und wenn immer es einem Hinterwäldler mit juristischer Amtsbefugnis einfällt, kann eben doch jederzeit ein Sündenbock gezwungen werden, für Millionen andere zu büßen.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Und nicht nur das: Solche Gesetze erzeugen auch, wo sie nicht mehr angewandt werden, ein Klima der Prüderie und der Heuchelei, das schwer faßbar, aber doch deutlich zu spüren ist: wenn man etwa eine Woche in Schweden und dann eine Woche im Staate Michigan lebt (wo fornication mit Gefängnis bis zu einem Jahr bedroht wird).

Die Geschichte des geschlechtlichen Umgangs zwischen Männern und Frauen läuft, wie nicht anders zu erwarten, der Geschichte der Ehe und des Ehebruchs völlig parallel. Vorchristliche Gesellschaften machen kaum einen Unterschied, ob ein Mädchen sich außerehelich oder eine Frau sich ehebrecherisch umarmen läßt – in jedem Fall wird der Wert der Ware Weib als durch Umarmung gemindert angesehen.

Vorstellungen dieser Art sind ja inzwischen keineswegs gänzlich überholt, veraltet, durch humanere abgelöst. Sie tauchen im Recht des 20. Jahrhunderts noch überall auf, etwa als Kranzgeld, das der Verlobte schuldig ist, der die Beilager-Duldung für ein Heiratsversprechen erworben hat und dann seinen Preis nicht zahlt.

Wie sich eben überhaupt dort, wo es um Auseinandersetzungen zwischen der Menschennatur auf der einen Seite, Gesellschaft, Recht und Religion auf der anderen geht, immer wieder feststellen läßt, daß es grundsätzlich Neues kaum gibt. Die Menschennatur ändert sich bemerkenswert wenig, und die "Entwicklung" der Gesellschaft ist, zumindest auf dem Gebiet der Moral, kein linearer Prozeß, eher ein Pendel zwischen Laxismus und Rigorismus, zwischen Libertinage und Prüderie. Tabus werden nicht nur abgebaut, sondern auch immer von neuem wieder aufgebaut.

Im gesellschaftlichen Kollektiv des Stammes oder der Sippe war kein Platz für die romantische Vorstellung, daß eine Frau "sich verschenkt". Sie konnte gar nicht frei über sich verfügen. Was immer sie tat, es gereichte der Gruppe zum Nutzen oder zum Schaden, zur Ehre oder Unehre. Und die Gruppe forderte Rechenschaft, strafte die "Ehrlose", stieß sie aus oder brachte sie sogar um. Überall, wo Sippen eine Lebensgemeinschaft waren, sind, sein werden, ist es – wie heute beispielsweise auf Sizilien, Sardinien, Korsika – noch immer oder wieder so.

Mit der christlichen Lehre von der unsterblichen Seele konnte die Verantwortung gegenüber der Sippe abgelöst werden durch die Verantwortung gegenüber Gott. Dem so auf sich allein gestellten Individuum wurde ein zehnfaches "du sollst nicht" mit auf den Weg gegeben – aber es gibt kein Gebot, das da hieße: Du sollst keine intimen Beziehungen haben zu einem Menschen anderen Geschlechts. Es gibt auch kein Gebot, das sich in diese Richtung biegen ließe.

Der Begriff "keusch", der später in der christlichen Lehre eine so große Rolle spielen sollte, kommt in der Bibel genau zehnmal vor – und alle zehnmal bei Paulus, sonst nirgendwo!

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Freilich findet sich im Neuen Testament kaum eine Stelle, in der die Erotik um ihrer selbst willen so bejaht würde wie etwa im Islam oder im Hinduismus – und im Hohenlied Salomos. Aber es gibt auch kein Wort Jesu, durch das sie als etwas Böses verdammt worden wäre. Das Leben Jesu Christi, so wie es überliefert ist, war enthaltsam; daraus ein christliches Sittengesetz abzuleiten, blieb dem Paulus vorbehalten. Und auf Paulus geht es auch zurück, daß die Leute, die dieses Sittengesetz entwickelten, die es überlieferten, die streng darüber wachten, daß Priester und Mönche in permanenter sexueller Enthaltsamkeit oder – da sie nicht alle Heilige und manche ganz normale Männer waren – in permanenter sexueller Heuchelei lebten. "Enthaltsamkeit rächt sich immer", sagte Karl Kraus, "bei dem einen erzeugt sie Pusteln, beim andern Sexualgesetze."

Durchaus auf diese Sittenwächter gemünzt, schrieb schon Montaigne, ein skeptischer Sohn seiner Kirche: "Wir haben kein Recht, uns in rühmen, daß wir die Wonnen des Fleisches verachten und bekämpfen, solange wir sie nicht fühlen können, nichts davon wissen, ihren Zauber, ihre Macht und ihre höchst verlockenden Schönheiten nicht kennen."

Überall und zu allen Zeiten hat es fromme Christen gegeben, die sich von der Religion des Paulus Dispens erteilt haben mit der Begründung: sie enthält mehr heidnische Gnostik als christliches Testament. Wo sie als Gruppen auftraten, blieben sie in der Minorität und konnten von der Orthodoxie als Häretiker oder Sektierer abgetan werden.

"kraft ihrer freiheiten"

Mit der Reformation wuchs die Zahl der Christen, die in den Evangelien – für sie das eigentliche Wort Gottes – nichts finden konnten, was gegen eine Umarmung auch außerhalb der Ehe sprach – selbst wenn die nun seit Luther und wahrscheinlich gegen Luthers Willen "Unzucht" genannt wurde.

Den frühesten Nachweis für dieses Wort in seinem heutigen Sinn fand ich in den Statuten der Stadt Villingen im Schwarzwald aus dem Jahr 1592. Das ist überhaupt ein interessantes Zeugnis. Es heißt da:

"Nachdem laider männiglich bekannt, wie sehr das laster der unzucht ein zeithero under den jungen leuthen eingerissen und dermassen obhand genommen, daß gar wenig töchteren sich mehr im crantz- und jungfrawenstandt verheirathen ... als hat ein ehrsamer rath in kraft ihrer freiheiten hiemit statuiert und geordnet, dass die straf der unzucht verschärpfet und fürderhin diejenige, welche sich darin vergreiffen, nit nur umb die sonst gewohnlich 16 fl. geltloness angelangt, sondern noch darzu nach beschaffenheit der persohnen und des Verbrechens mit gefäncknuss und öffentlicher Vorstellung mit der geigen oder strohinen eräntzen, auch wohl gahr mit statt- und landtsverweisung gebüßt und abgestraft werden sollen."

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Klage über die Sittenlosigkeit der Jugend, Versuche der Ordnungsmacht, solcher Sittenlosigkeit durch strengere Strafen Herr zu werden – damals wie heute und zu allen Zeiten.

Von der Verschärfung waren in Villingen die statuarisch festgelegten Strafen recht milde – milder als heute in Amerika; milder auch als in den meisten anderen Ländern, wenn man bedenkt, daß von einem besonderen Schutz Minderjähriger oder Abhängiger keine Rede ist.

Wie stellte man eigentlich "Unzucht" fest? Es wäre denkbar, daß Pärchen in flagranti ertappt und angezeigt wurden. Aber davon ist wenig bekannt. Der paulinische Eifer gegen die Menschennatur wirkte sich im normalen Alltagsleben vergangener Jahrhunderte in dieser Richtung selten aus. Es sei denn: daß Fanatiker sich seiner annahmen, daß Sündenböcke gebraucht wurden oder daß nicht aus der Welt zu schaffende Beweise für kodifizierte Straftatbestände zu niemandes Freude auftauchten.

Stattgehabte Umarmungen können sich durch ihre biologischen Folgen gewissermaßen selber zur Anzeige bringen. Sie mußten dann, wo Strafe angedroht war, auch bestraft werden, es sei denn, sie waren durch Ehe sanktioniert.

Dabei konnte man zu einer Zeit, als die Gynäkologie noch in ihren Anfängen steckte, Pech haben. Grimmelshausen weiß im "Wunderbarlichen Vogelnest" von 1685 zu berichten, daß man Jungverheirateten ein erstes Kind acht Monate nach der Eheschließung durchgehen ließ – die Eltern von Siebenmonatskindern jedoch waren vor Strafe nicht sicher.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen hat die Sorge um das Kind, die Angst vor dem Kind mehr zur Enthaltsamkeit beigetragen als sittliche Gebote. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen fühlten sich Frauen weniger als Männer hingezogen zu außerehelichen Umarmungen, die keine Sicherheit boten für möglicherweise daraus hervorgehende Kinder. Denn die Frauen hatten, das Risiko zu tragen, dem sich ein Mann entziehen konnte, durch Kriegsdienst und Wanderschaft, durch Täuschung und Treulosigkeit. Ob es sich dabei um ein soziologisches Phänomen handelt (die Gesellschaft zwingt der Frau die Sorge um das Kind auf) oder um ein biologisches (die Sorge um das Kind liegt in der Natur der Frau) – dieser im 20. Jahrhundert entbrannte Streit wird im 21. Jahrhundert entschieden werden können.

Glich die Sexualgeschichte der Menschheit bisher einem Schachspiel insofern, als sie viele Variationen erlaubte, was jedoch nichts daran änderte, daß da immer die gleichen Figuren immer die gleichen Züge ausführen, so wird seit ein paar Jahren nach neuen Regeln gespielt: Geburtenverhütungsmethoden wurden derart vervollkommnet, daß das weibliche Geschlecht von seiner ältesten Angst zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit völlig befreit sein könnte.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Eine bereits erkennbare erste Folge der neuen Spielmöglichkeiten war der Neid der Alten auf die Jungen, der den Generationskonflikt verschärfte. Immer mögen sich diejenigen, bei denen der physische Verfall spürbar einsetzte und das Jenseits näherrückte, versucht gefühlt haben, schwindende Potenz mit Tugend der Enthaltsamkeit zu verwechseln, sexuellen Neid in moralische Vorwürfe zu verkehren: Jugend hat keine Tugend.

Solchen Vorwürfen gesellte sich jetzt die Frage zu, selten ausgesprochen, oft unterbewußt: Warum dürfen die einander ohne Risiko umarmen – wo wir es doch nicht durften?

In der Tat finden wir uns heute in einer Situation, die es nie vorher gegeben hat: Es scheint nichts mehr zu geben, was von außen her den völlig freien Verkehr zwischen den Geschlechtern hemmen könnte.

Der intime Erlebnisbereich ist nicht mehr Teil des kollektiven Lebens eines Stammes oder einer Großfamilie, denen der einzelne Rechenschaft schuldig ist. Der paulinische Gott, der die Unzüchtigen verfolgt, wird nicht mehr sehr gefürchtet. Staatliche Gesetze gegen den "normalen" außerehelichen Geschlechtsverkehr, bestehen nur in wenigen Ländern und werden auch dort kaum jemals angewandt. Kein Mädchen braucht mehr Angst vor einem unerwünschten Kind zu haben.

Und eine weitere Zuchtrute gegen die ihrer Libido frönende Menschheit kennen die Jüngeren nur noch vom Hörensagen. Leute, die vorschnell zu metaphysischen Interpretationen neigen, haben ein Walten des Weltgeistes darin gesehen, daß mit den gleichen Kreuzzügen, durch die den Europäern einige strenge Moralbegriffe abhanden kamen, eine schreckliche Hüterin der Moral eingeführt wurde: die Syphilis.

Sünden aus Frankreich

Die Krankheit, die jedes sexuelle Abenteuer bedrohte und an der nicht nur ein Heine und ein Nietzsche, elendiglich, zugrunde gingen, war leicht übertragbar durch Frauen, die sich, ausgleichende Gerechtigkeit, von ihr in ihrem allgemeinen Wohlbefinden oft so wenig gestört fühlten, daß sie sich ihrer nicht einmal bewußt waren.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

In welchem Ausmaß die Syphilis, der man in Deutschland den bezeichnenden Namen Lustseuche gab, das Liebesleben viele Jahrhunderte lang vergiftet hat, ist uns heute nicht mehr bewußt, ist nur noch in alten Biograhien nachzulesen. Philologie verrät, wie sehr alle Sprachgemeinschaften begehrten, nicht schuld daran zu sein.

Die Engländer lebten gern mit der Überschätzung eigener Tugend. Sünden kamen für sie aus Frankreich, und die Syphilis nannten sie französische Gicht, "French gout". "Franzosenkrankheit" hieß sie auch in Deutschland. Die Franzosen konnten das nicht auf sich sitzen lassen: Sie behaupteten, die Truppen Karls VIII. hätten die Syphilis gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Italien eingeschleppt, und nannten sie "mal de Naples". Die Italiener gaben den Vorwurf gleich dreifach zurück: Sie sprachen vom "morbo celtico", "morbi gallico", "mal francese".

Durch die Antibiotika, erst in der Mitte unseres Jahrunderts, wurde diese Krankheit zuverlässig heilbar. Durch verschiedene, kurz als "die Pille" bezeichnete Hormonpräparate wurden zwanzig Jahre später Schwangerschaften zuverlässig verhütbar.

Damit scheint nun in der Tat die letzte der Schranken gefallen, die bis dahin zwischen dem einzelnen und der "Unzucht" standen. Damit haben auf jeden Fall die Frauen aufgehört, unvermeidbar Leidtragende der Lust zu sein. Nun wird sich erweisen, ob die zögerndere, zurückhaltendere, passivere, mehr auf Bewahren als auf Erobern eingestellte, die "eigentümlich weibliche" Haltung zur Sexualität ein Ergebnis des Zwanges von außen war oder einer von gesellschaftlichen Verhältnissen letztlich nicht beeinflußbaren inneren Natur entspricht. Ich neige zu dieser zweiten Annahme, aber ich will nichts verschworen haben.

Die einen, und es sind vor allem die Jungen, freuen sich einer neuen, einer so nie zuvor gekannten Freiheit im Verkehr der Geschlechter miteinander.

Die anderen, und es sind vor allem die Älteren, fragen sich, wohin das denn führen soll, wenn auf einmal alles erlaubt, wenn nichts mehr schwierig, wenn jedes Risiko ausgeschaltet ist. Und die freisinnigsten unter ihnen fürchten nicht so sehr die allgemeine Unmoral wie die totale Langeweile.

Doch werden sie kaum so weit gehen, nun der Justiz die Aufgabe zu übertragen, daß sie neue Schranken errichte.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Es bestehen ja immerhin noch die alten gegen Unzucht mit Minderjährigen und Unzucht mit Abhängigen: Für den Partner eines Mädchens, das vor einem Monat sechzehn geworden ist, kann also noch immer der Partner eines anderen Mädchens mitbüßen, das erst in einem Monat sechzehn wird.

Sentimentale Verklärung

Und in Amerika geht es noch kurioser zu: Da büßen die Männer von Colorado, Texas und Wyoming mit für die Männer von Delaware, New Mexico und Tennessee, die mit einem, sagen wir sechzehnjährigen, Mädchen, das es ihnen erlaubt, intimen Umgang pflegen. Denn in Colorado, Texas und Wyoming (dazu in Arizona, Idaho, Kalifornien, Kansas, Minnesota, Montana, Nevada, New York, North Dakota und Wisconsin) kann ein Mädchen unter achtzehn nichts dergleichen erlauben, und wenn da etwas geschieht, meint der Statuten-Geber, dann ist es eben Vergewaltigung – weswegen der geschlechtliche Umgang mit Minderjährigen oder angeblich Minderjährigen dort den schönen Namen "Vergewaltigung nach den Statuten" führt.

Und nicht nur die Männer büßen in North Carolina und Washington: Wegen "Vergewaltigung nach den Statuten" wird dort auch das zwanzigjährige Mädchen bestraft, das einen minderjährigen Knaben "verführt".

Woher kommt sie, diese oft romantische, oft sentimentale Verklärung kindlicher Unschuld im allgemeinen und erotischer Unschuld im besonderen, die es mit sich bringt, daß Verführung von Kindern mit Strafen bedroht wird, wie sie sonst nur gegen Mörder verhängt werden? Seit wann. gibt es jenen Drang der Erwachsenen, alles, was ihnen scheinbar abhanden gekommen ist, Reinheit, Tugend, Keuschheit, den Kindern anzuhängen, jenen Drang, der "die Welt des Kindes" mit Tabus umstellte und der in hell-lodernde Empörung umschlug, als Freud die Wand der Tabus durchbrach?

Der schwedische Psychiater Lars Ullerstam schreibt in seiner wackeren Verteidigung der "sexuellen Minderheiten" völlig richtig: "Es war die Theorie über die Kindersexualität, die den lautesten Krawall um Freuds Lehren hervorrief." Und fährt dann völlig falsch fort: "Wir sind immer noch in dem christlichen Mythos von der Unschuld und Reinheit des Kindes befangen." Wie und wann auch immer die Vorstellung von der Unschuld des Kindes solche Macht gewonnen haben mag: es handelt sich um einen biologischen und sozialen, nicht um einen christlichen Mythos.

Der Irrtum hat drei Ursachen: Kitschige Darstellungen von Christi Geburt, die Verwendung des Ausdrucks "Kindlein" für kleine Kinder und besonders die Kindergottesdienstverse 14 und 15. im 19. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, oft falsch zitiert als: "Lasset die Kindlein zu mir kommen." Vergessen wird dabei meistens, was im Vers 13 steht: daß nämlich die Begleiter Jesu diese Gören offenbar so rüde entfernen wollten, wie es in einer Zeit üblich war, in der Kinder keinerlei Rechte hatten und von ihren Eltern als Arbeitskräfte verkauft werden konnten.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

In der Bibel ist oft von Kindern und Kindlein die Rede, aber nicht sentimental verklärend und nie in einem Zusammenhang mit "keusch", "rein", oder "unschuldig". Im Gegenteil: Als man anfing, die Unschuld der Kinder zu zelebrieren, empörte man sich doch gegen eine christliche Lehre, die auch diese Unschuldigen an der Erbsünde teilhaben ließ.

"Dies Kind, kein Engel ist so rein..." – das ist nicht Evangelium, das ist schlechter Schiller. Und etwa um die Schiller-Zeit hat er wohl auch angefangen: der Kult vom kindlichen Kind in einer kindlichen Welt, der dann aktiviert wurde durch die Bemühungen der Pädagogen und zementiert durch viktorianische Tabus.

Jedenfalls findet sich auch bei Goethe ein verräterischer Nebensatz, der sein Geschöpf Mignon ausschließt aus der Reihe der großen Liebenden oder Geliebten von Helena bis Lolita, die im Sinne der heute geltenden Gesetze alle "Kinder" waren. Ihrem Alter nach paßte sie genau hinein: sie wird, da ihre Jahre "niemand gezählt" hat, auf "zwölf bis dreizehn" geschätzt. Aber Wilhelm Meister fühlt sich "durch die geheimnisvolle Gegenwart des Kindes mehr, als er sich selbst gestehen durfte, unterhalten" – solche Äußerungen eines schlechten Gewissens finden wir vorher nicht.

Der neunjährige Dante Alighieri wählte sich eine achtjährige Beatrice zum Gegenstand inbrünstiger Liebe. Eine Generation später schwärmt Petrarca:

Neil età sua piu bella e piu fiorita,

Quand’ aver suol Amor in noi piu forza,

Lasciando in terra la terrena scorza,

Unfug mit Unschuld und Unzucht

E Laura mia vital da me partita.

E viva e bella e nuda al ciel salita:

Indi mi signoreggia, indi mi sforza...

Rilke übersetzte:

In ihres Alters blühendstem Beginn, da Liebe Kraft gibt, daß man ganz empfinde, der Erde lassend diese irdne Rinde, schwand Laura, die Belebende, mir hin: und stieg zum Himmel nackt und schön und lebend; von dort beherrscht sie mich und drängt und quält. Petrarca war der gefeiertste Dichter eines sehr katholischen Landes. Nie wagt es Humbert Humbert, sich die der Laura etwa gleichaltrige Lolita so freimütig nackt vorzustellen; schlechten Gewissens stellt er ihr nach. Und doch wurde der Ruf des großen Romanciers Nabokov beinahe ruiniert durch seine ebenso behutsame wie groteske Schilderung der Leidenschaft eines Vierzigjährigen für eine Zwölfjährige.

Es ist dabei ganz uninteressant, ob Beatrice und Laura wirklich gelebt haben: Lolita hat ja gewiß nicht wirklich gelebt. Es ist auch nicht so entscheidend, wie Moralprediger denken wollen und manche Juristen denken müssen, ob die geschlechtliche Vereinigung wirklich vollzogen wurde’ oder nicht. Und auch auf die Widerhaken der Geschichte von Lolita, von ‚denen noch zu reden sein wird, kommt es hier nicht an.

Wichtig ist, daß jahrhundertelang ein zwölf- bis fünfzehnjähriges Mädchen als Gegenstand einer erotischen Leidenschaft allgemein vorgestellt und nachempfunden werden konnte.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Die bezaubernden Geschöpfe in Mythos und Literatur, die vielbewunderten und hochverehrten Exempla großer Liebe, sie waren manchmal jünger als zwölf und selten älter als fünfzehn. Die schöne Helena soll mit zwölf Jahren Menelaos geheiratet haben. Die Gespielinnen der Sappho dürften nicht älter als fünfzehn gewesen sein. Jünger war Anthia, in dem Roman des Xenophon von Ephesus die Geliebte des Habrokomas, "viel zu früh", wie sie selber sagt, vom Herrn über alle Kreatur, von Eros ergriffen.

Vollbusige Wagner-Sängerinnen dürfen uns den Blick nicht trüben für Isolde: eine sommersprossige Rotblonde, die heute gewiß noch unter Jugendschutz stünde. Heloise war eine Schülerin, die ihren Hauslehrer Abaelard derart ins Gerede brachte, daß er ihretwegen entmannt wurde. An dem Tage, als sie nicht weiterlasen, waren Paolo und Francesca Minderjährige. Ulrich von Liechtenstein wählte im Alter von zwölf Jahren eine verheiratete Prinzessin zur Dame seines Herzens. Julia war noch nicht vierzehn, als sie sich mit Romeo über Vogelstimmen stritt, und Shakespeare betont, daß Jüngere als sie zu glücklicher Mutterschaft fähig seien. Jünger war de Sades Justine, die so heftig in Anspruch genommene Vorgängerin des Nymphchens Dolores Haze alias Lolita.

Kurz: alle großen Liebenden der Weltliteratur kämen heute, wie Bertrand Russell einmal bemerkte, in Fürsorgeerziehung. Und die von so viel Schönheit betroffenen Männer, darf man hinzufügen, leisteten ihnen im besten Falle Gesellschaft, im schlimmsten, nämlich wenn sie in den amerikanischen Bundesstaaten District of Columbia oder Georgia oder Missouri oder Oklahoma oder South Carolina oder Texas oder Virginia oder West Virginia ihrer Leidenschaft nachgegeben hätten, könnten sie als Sexualverbrecher zum Tode verurteilt werden.

Der Einwand, es handele sich doch da um erfundene oder dichterisch überhöhte Gestalten, die sich jedweder Jurisdiktion entziehen, trifft nicht.

Vierzehn war die durchaus wirkliche Kleopatra, als sie Antonius begegnete.

"Ein Mädchen, das schon über zehn Jahre alt ist, findet keinen Gefallen mehr an Puppen! Ihr habt nun schon einen Ehemann und müßt euch daher als seine Frau benehmen und ihm ein guter Partner sein" – so wird des Prinzen Genji jugendliche Gespielin Murasaki ermahnt von der Amme Shonagon.

Im Griechenland des 5. vorchristlichen Jahrhunderts wurden zehnjährige Mädchen von den Eltern verlobt und bald darauf verheiratet: die Frau des Ischomochos war fünfzehn, als die Ehe an ihr vollzogen wurde.

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Von Julia, der Tochter des Kaisers Augustus, heißt es, daß sie noch fast ein Kind war, als ihr erster Mann schon wieder starb.

Die Mutter des später heiligen Augustin brachte dem anfangs noch gar nicht so heiligen ein zwölfjähriges Mädchen als Braut ins Haus.

Ein ungenanntes Delikt

Eine Exkursion ins Völkerkundliche: Heterosexuelle Pädophilie als Koitus zwischen erwachsenen Männern und pubertierenden oder noch jüngeren Mädchen ist nicht selten. Bei den Lepcha in Indien gibt es nach dem zwölften, bei den IIa in Afrika nach dem zehnten Lebensjahr kaum noch Virginität. Es kommt bei den Lepcha vor, daß Männer mit Achtjährigen koitieren. In vielen Kulturen ist die Menarche der Zeitpunkt, von dem ab sexuelle Verbindungen auch zu älteren Männern geduldet werden.

Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig verlängern. Statt dessen sei die Tatsache, daß die Unzucht mit Minderjährigen oder die Vergewaltigung nach den Statuten, kurz: daß dieser sexuelle Jugendschutz eine Errungenschaft jüngeren Datums ist, verdeutlicht an zwei Kriminalstatistiken und drei illustren Fällen, die noch gar nicht so weit zurückliegen.

Gab es das Delikt "Unzucht mit Minderjährigen" vor 1800? Ein Jurist, den ich um Hilfe gebeten hatte, konnte einen einzigen Fall finden: 1473 wurde in Breslau ein Mann wegen Unzucht mit einem Kinde verbrannt; wie alt das Kind war, wird nicht gesagt.

In schöner Vollständigkeit ist überliefert, für welche Delikte Berliner in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit dem Tode bestraft wurden: wegen Diebstahls (44 Hingerichtete), wegen Straßenraubs (24), wegen Kirchendiebstahls (9), wegen Pferdediebstahls (9), wegen Raubes (6), wegen Brandstiftung (5), wegen Zauberei und Vergiftung (5), wegen Mordes (4), wegen Betrugs (3), wegen Spielens mit falchen Würfeln (2), wegen blutiger Gewalttat (2), wegen Friedensbruchs (2), wegen Verkaufs von Kindern an Juden (2), wegen Kuppelei (1), wegen Falschmünzerei (1), wegen Hehlerei (1).

Unfug mit Unschuld und Unzucht

Wer sich mit der Geschichte der deutschen Strafjustiz beschäftigt hat, trifft gute alte Bekannte wieder, die zu erwarten waren, und ein paar unerwartete – nichts deutet auf ein Delikt "Unzucht mit Minderjährigen", das, wenn es überhaupt wahrgenommen worden wäre, damals nur ein todeswürdiges Verbrechen hätte sein können.

Aber vielleicht war in Berlin alles anders. Ziemlich vollständig erhalten ist ein Register der Todesstrafen, die im romantischen Rothenburg ob der Tauber verhängt wurden, als es noch nicht so romantisch war, nämlich von 1502 bis 1787. Hingerichtet wurden wegen Mordes 50, Diebstahls 44, wegen Raubes, auch Kirchenraubes 18, wegen Ehebruchs, Mordes und Notzucht 11, wegen Kindsmordes 9, wegen Sodomie 8, wegen "schwerer Verbrechen" 4, wegen Bienendiebstahls 3, wegen Schändung 2, wegen Blutschande (Vater-Tochter) 2, wegen Hexerei 1.

"Sittlichkeits"-Delikte treten stärker hervor, weniger, weil es in Rothenburg unsittlicher zugegangen wäre als in Berlin, vielmehr, weil die Rothenburger Statistik weit ins 18. Jahrhundert hineinreicht und weil die Straf justiz sich von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr kümmerte um das, was der Gesetzgeber für Sittlichkeit hält. Gewiß sind inzwischen manche Strafen milder geworden, wovon neben den Würfelspielern und Bienendieben schließlich auch die Sodomiter profitiert haben. Aber nie zuvor wurde ein von der gedachten Norm abweichendes Verhalten im persönlichsten Erlebensbereich in solchem Umfang von Paragraphen verfolgt wie in diesem sich für so besonders nüchtern, sachlich und vernünftig haltenden 20. Jahrhundert.

Es könnte sein, aber es ist unwahrscheinlich, daß unter den zwei Rothenburger Fällen von "Schändung" der eine oder der andere ein Kind betroffen hat. Ansonsten: bis 1787 in einer umfassenden Kriminalstatistik kein einziger Fall von Unzucht mit Minderjährigen, dem inzwischen in Deutschland meistverfolgten Sexualdelikt und in so vielen amerikanischen Staaten noch heute todeswürdigen Verbrechen! Seit wann?

In der nächsten Folge: Kinder müssen geschützt werden – aber Erwachsene auch