Man hätte nur die Bilder zeigen sollen: Hitler, der Lumpenprolet, Hitler, der Kleinbürger, Hitler, der Deutsche, Hitler, der Mörder. Die Photographien waren vortrefflich, das kollektive Ich-Ideal, von Millionen Narzissen in lustvoller Unterwerfung geliebt, gewann leibhaftig Gestalt. Gesellschaftliches ließ sich ergänzen: Des Führers Auftritt machte verständlich, warum es gerade das Kleinbürgertum war – gequält von Angst vor dem Proletariat in gleicher Weise wie vor dem "Kapitalismus" –, das sich mit Hitler identifizierte und sich in seiner Größe wiedererkannte. Ein paar Schrifttafeln, Thesen von Horheimer und Mitscherlich, von Thalheimer, Franz Neumann und Nolte ... und die Bilder hätten für sich selber gesprochen. Sie taten es nicht: Es kommentiete Joachim C. Fest, und der entwickelte, im Stil der bürgerlichen Heldenlegende, das Psychogramm eines Mannes, der das Staunen der Welt war, der Ausdruck einer Zeit, die sich in ihm verkörperte. Von der Epoche war die Rede und von den Menschen, und die Epoche war seine Epoche, und die Menschen wurden von ihm geprägt. Klassen scheint es nicht gegeben zu haben damals, Wege, die zu Hitler führten, und die von ihm bis in unsere Tage ebenfalls, nicht: Wie ein Komet tauchte er auf, gab der Zeit das Gesetz – und verschwand. Das Vokabular, das zur Beschreibung des Phänomens Adolf Hitler herhalten mußte, war so bombastisch, so durchsetzt’ von Metaphern, in denen sich der Abscheu mit der Bewunderung, das Entsetzen mit dem starren Staunen verschwisterte, daß die Sentenzen bisweilen die Grenze überschritten, jenseits der die Apologetik beginnt: Nicht Unterdrückung und Gewalt nahm die Menschen gefangen, sondern allein dieser Mann. (Aber warum! Aber warum! Doch wohl nur deshalb, weil – ich zitiere Alexander Mitscherlich – "Hitler es der deutschen Öffentlichkeit möglich gemacht hatte, an die Realisierung ihrer infantilen Omnipotenzphantasien glauben zu dürfen".) Statt den "Großen" zu beschreiben, den Star und Mörder, den Handaufleger und Rassenlehrer, und statt immer wieder die Verzückten zu zeigen (die um ihres Liebesobjekts willen zu Verbrechern wurden), hätte man – die Inhalte anpackend: analysierend statt beschwörend – die Gründe solcher Beziehungen aufdecken müssen. Nur dann wäre statt des Übermenschen aus Walhall jener big brother sichtbar geworden, der an den gleichen Ängsten und den gleichen Ressentiments wie seine Anhänger litt und ihnen die Sündenböcke zu bezeichnen verstand, die zu töten eine Huldigung an den Führer und damit eine Aufwertung Narzissens beinhaltete.

Nichts von alledem im Kommentar von Joachim C. Fest; Karl May siegte über Karl Marx, Fritzische Legendenbildung über Freudsche Mythenaufhellung: Man sprach von Revolution – aber daß es um eine Revolution gegen die Revolution ging, erfuhr der Zuschauer nicht; er starrte gebannt auf das Antlitz des großen verruchten heiligen Teufels, auf den alles bezogen war an diesem Abend ... so sehr, daß sich Stalingrad nicht nur als Wendepunkt des Krieges, sondern, mehr (!!) als Wendepunkt im Leben Hitlers interpretiert sah.

Der Führer ist an al-Uni schuld, hieß die Devise der Sendung am Guten und Bösen; seine inspirierte Demagogie ließ ein ganzes Volk gläubig und anhänglich werden. Trauerarbeit wurde zunichte gemacht ... und dies, obwohl vier oder fünf Sätze sehr genau zeigten, wie das. Thema sich hätte bewältigen lassen: Es wurden einfache Lösungen in einer komplizierten Welt gesucht – das Problem der Entfremdung –, im Konzentrationslager verwirklichte der Nationalsozialismus sich selbst – das Thema der totalen Verwaltung des Menschen.

Aber was nützen schon vier oder fünf Sätze in einer siebzigminütigen Sendung, wenn auf der anderen Seite Hitlers Leben unter dem Motto "Aufstieg und Fall eines genialen Menschen" vorgeführt wird! Was nützt das, wenn man einen so mißdeutbaren Satz wie diesen formuliert: 1939 – aus dem Spiel wurde Ernst. Welch ein Spiel! Welch ein Spiel, diese Kriegspraktik im Frieden – verhüllt hinter der Eintopf-Idylle, verklärt vom Idealbild einer Volksgemeinschaft jenseits der Klassen... auf dem Boden der Klassengesellschaft.

Nicht magische Beschwörung des Führers (mit hinzugesetztem negativen Akzent), sondern rationale Erklärung tut not. Kein Fatum, sondern ein analysierbarer Fall will, als gesellschaftliches Phänomen, aufgehellt werden. An die Stelle der apokalyptischen Umschreibung des Numinosen hat die politische Anamnese zu treten. Joachim C. Fest – erkennend, daß gerade der Traumatisierte den alten Mythus häufig durch einen neuen Mythus bestätigt – könnte in besonderer Weise dazu beitragen, daß eine solche Anamnese gelingt.

Momos