Mannheim

Feinmechanikermeister Töpfer aus Mannheim versteht die Welt nicht mehr. Er schlug sechsmal hintereinander in das Gesicht seines achtzehnjährigen Lehrlings Wolf gang Jerrentrup, der bei ihm im vierten Lehrjahr steht. "Was heißt schlagen, ich wedelte, weil er diesen Mist, eine Plakette mit der Aufschrift ‚Wir fordern Berufsausbildung für das Jahr 2000‘ und das bei der Handwerkskammer besorgte Berufsbild für Feinmechanikerlehrlinge an die Werkstattwand geklebt und genagelt hatte. Bei mir wird nicht genagelt. Ich sah rot!"

Lehrling Jerrentrup hatte schon seit langem Zweifel, daß er den erforderten Ausbildungsstand erreichen würde. "Ich habe bis heute immer nur die Anfertigung von Einzelteilen und nie deren Zusammensetzung gelernt, und im Herbst muß ich meine Prüfung machen!" Er diskutierte darüber mit Meister und Arbeitskollegen. Als der Erfolg ausblieb, griff er zur Selbsthilfe und nagelte am Mittwoch vergangener Woche um 14 Uhr das Berufsbild an die Wand, drei Minuten später wurde er dafür gezüchtigt.

"Züchtigungen", sagt Jerrentrup, "sind im Lehrverhältnis keine Seltenheit." Im Dezember letzen Jahres gaben bei der Jugendfunktionärsversammlung der IG Metall 33 von 45 Kollegen Züchtigungsfälle an. Lehrlinge trauen sich nicht, Anzeige zu erstatten, weil sie befürchten müssen, bei der Prüfung, in deren Ausschuß ihre Meister sitzen, durchzufallen. "Nach diesen Ohrfeigen wußte ich zunächst auch nicht, was ich tun sollte. Ich wollte auf der einen Seite keine Show daraus machen, auf der anderen Seite auch nicht als Märtyrer erscheinen. Ich informierte den Jugendausschuß der IG Metall, und wir entschieden uns dann gemeinsam für eine Demonstration."

Töpfer erfuhr von der Absicht seines Lehrlings und nötigte ihn: "Wenn die Demonstration stattfindet, dann bist du entlassen!"

Die Demonstration fand am Montag dieser Woche statt. Einhundert Lehrlinge versammelten sich vor dem Haus Töpfers mit Transparenten und Flugblättern: "Es ist nicht allein der Fall Töpfer, der uns veranlaßt, hier zu demonstrieren. Herr Töpfer hat sich eines Vergehens des Jugendarbeitsschutzgesetzes schuldig gemacht. Er allein aber ist nicht angeklagt: Wir klagen das Parlament an, das es bis zum heutigen Tag versäumt hat, ein Berufsausbildungsgesetz zu verabschieden, über das schon vierzig Jahre diskutiert wird." Karin Zeller