Trotz eines enorm gewachsenen Angebots hören die Klagen nicht auf, es fehle für den politischen Unterricht an deutschen Schulen an verwendbaren Texten, die etwa bei der Einführung in politische Denksysteme nützlich sein könnten. Abhilfe schafft ein zweibändiges Werk,

"Klassiker des politischen Denkens", zwei Bände, hrsg. von Hans Maier, Heinz Rausch, Horst Denzer; Verlag C. H. Beck, München 1968; 433 und 421 S., je Band 19,80 DM.

das eine glückliche Mitte zwischen einem Abriß politischer Ideengeschichte und einer Textauswahl klassischer Autoren der Staatsphilosophie hält: Aus der Feder fast ausnahmslos jüngerer Politologen – Dozenten, Assistenten und Doktoranden zumeist des Münchner Instituts für politische Wissenschaft – enthalten die beiden Bände 28 Einzeldarstellungen politischer Theoretiker von der Antike bis zur unmittelbaren Vergangenheit. So ergibt sich das Gesamtbild einer Geschichte abendländischer Staatstheorie.

Hans Maier, Schüler Arnold Bergsträssers und dem Erbe seines Lehrers, wie auch aus diesem Werk wieder ersichtlich, verpflichtet, erläutert den Begriff des Klassischen, der dieser Auswahl zugrunde liegt: Von sprachlich-literarischen Maßstäben abgesehen, müsse das große politische, den Anspruch der Klassizität erfüllende Werk in einem besonderen Verhältnis zur Geschichte stehen. Klassisch sei es zu nennen, wenn in ihm eine neue Erfahrung, eine für das politische Zusammenleben konstitutive Erkenntnis, ein Anspruch an die Gesellschaft formuliert sei, "etwas, das Widerhall und Aufnahme findet, wenn nicht heute, so doch morgen, und das weiterwirkt über die Person des Autors und seine Lebenszeit hinaus".

Diesem formalen Anspruch werden die hier ausgewählten Denker gerecht, trotz aller Unterschiede in ihren politischen Gestaltungsentwürfen. Man kann, ohne den Wert der Auswahl zu mindern, von einer bereits festgefügten Tradition, einem anerkannten Kanon sprechen: Der erste Band reicht von Plato über Aristoteles, Cicero, Augustin bis Grotius, Bodin, Hobbes, der zweite von Locke, Pufendorf, Montesquieu bis Marx, Nietzsche, Max Weber. Obgleich die Einzelmonographien in sich geschlossen sind und das Zeitbedingte der jeweiligen Persönlichkeit in ihrem historischen Standort gezeigt wird, ist die Kontinuität ideengeschichtlicher Entwicklung gewahrt.

Bei aller Spezialisierung und trotz des politischen Engagements der einzelnen Autoren, das unverkennbar, aber nirgends aufdringlich ist oder die wissenschaftliche Qualität mindert, ist eine Gemeinschaftsleistung erbracht, die auf diesem Gebiet zur Zeit, jedenfalls in deutscher Sprache, kaum Gleichwertiges hat. Das Werk, in Universitätsübungen und in der Erwachsenenbildung bereits vielfach erprobt, eignet sich, da zudem mit weiterführender Bibliographie ausgestattet, vorzüglich zum Studium, zur allgemeinen und wissenschaftlichen Orientierung und nicht zuletzt auch für den politischen Unterricht in den Oberklassen der Gymnasien. Friedrich Andrae