Von Joachim Schwelien

Washington, im April

In Washington hatten sich die Minister nach der Jubiläumstagung des Atlantikrates noch nicht verlaufen, als Präsident Nixon im Kreis der Botschafter Lateinamerikas schon eines anderen Jahrestages gedachte: Die Organisation der amerikanischen Staaten feierte ihr 21 jähriges Bestehen. Für ihn war dies ein Anlaß zu der trockenen Bemerkung, die von Präsident Kennedy vor acht Jahren verkündete "Allianz für den Fortschritt" zwischen den USA und ihren südamerikanischen Nachbarn habe die auf sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt.

Zwar haben die Vereinigten Staaten ihre Versprechen eingehalten und bis 1968 den lateinamerikanischen Ländern 8,4 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe aus Regierungsmitteln, 273 Millionen Dollar aus privaten Unterstützungsfonds und 3,25 Milliarden Dollar als Investitionen der Privatwirtschaft zufließen lassen, doch hat sich damit weder der große ökonomische Abstand zwischen den beiden amerikanischen Kontinenten verringert, noch konnten soziale Diskrepanzen in Lateinamerika abgebaut werden. Die Zuwachsrate Lateinamerikas ist geringer als die der nichtkommunistischen Länder Asiens oder die der kommunistischen Nationen Osteuropas. Nordamerikaner bleiben für die Südamerikaner der große und reiche Nachbar, mit dem sie nicht Schritt halten können und der in ihnen Neidgefühle wachsen läßt.

Die Wurzel allen Übels ist im wirtschaftlichen Bereich die extrem hohe Geburtenrate der meisten lateinamerikanischen Völker. Dazu kommen in einigen Ländern eine nur mühsam gebändigte Inflation und eine starke Abhängigkeit von den oft schwankenden Weltmarktpreisen. Schließlich sind es die archaischen Herrschaftsstrukturen, die Verflechtung der weißen Oberschicht mit dem Militär und die sich daraus immer regenerierenden Diktaturen, die jeden Fortschritt ersticken.

Das wirtschaftliche Nachbarschaftsverhältnis zu den USA wird dadurch bestimmt, daß über achtzig Prozent aller ausländischen Kapitalanlagen in Lateinamerika – zur Zeit rund elf Milliarden Dollar – nordamerikanischer Herkunft sind. So unentbehrlich und nützlich für die lateinamerikanischen Länder dieser amerikanische Kapitalzufluß ist, so weckt er doch immer wieder düstere Ahnungen von einem Wirtschaftsimperialismus der USA, der die Kanonenboot-Diplomatie abgelöst hat.

Dennoch bleiben die Reibereien zwischen dem Norden und dem Süden auf die Regierungskanzleien beschränkt wie eben gegenwärtig beim Streit zwischen Peru und den USA um die entschädigungslose Enteignung einer amerikanischen Erdölgesellschaft. Die Masse der südamerikanischen Bevölkerung hegt keinen Haß gegen "Yankees". Gerade in den armen Schichten sind die durchaus spürbaren Erfolge der "Allianz für den Fortschritt", der Ausbau des Bildungswesens, der Straßenbau und die Förderung der Landwirtschaft, als wirkliche Hilfe empfunden worden.