Von Theo Sommer

Die meisten Staaten schlagen sich heute mit dem gleichen Kernproblem herum: Wie lassen sich die Gewichte zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit sinnvoll austarieren? Es gibt darauf keine Antwort, die zugleich radikal und aufrichtig wäre.

Ein Dreivierteljahr lang hat die neue kanadische Regierung Pierre Trudeaus ihre Bündnispolitik kritisch überprüft. Am Anfang sah es fast so aus, als werde Ottawa der NATO den Rücken kehren, sich hinfort als Nordamerikas "blinder Passagier" von den Vereinigten Staaten mitverteidigen lassen oder seine Zuflucht zu einem arktischen Iglu totaler Bündnisfreiheit nehmen. Doch keine dieser Befürchtungen ist eingetroffen. Trudeaus Erklärung am Vorabend des NATO-Jubiläums lief auf ein leicht kaschiertes Festhalten am bestehenden Zustand hinaus.

Kanada bleibt in der NATO. Es scheint nicht einmal den völligen Abzug seiner Übersee-Garnison ins Auge zu fassen; es ist lediglich von einer "geplanten, stufenweisen Verminderung der Stärke der kanadischen Streitkräfte in Europa" die Rede. Umfang und Tempo der Verminderung stehen noch nicht fest, Konsultation mit den Verbündeten ist auf jeden Fall zugesagt. Überdies bleibt Kanada Mitglied der NORAD, des Luftverteidigungsbündnisses mit den Vereinigten Staaten.

Nach dem langen und entschlossenen Anlauf erscheint Trudeaus Rangfolge der Aufgaben kanadischer Sicherheitspolitik überraschend konventionell: Schutz des eigenen Territoriums, Verteidigung Nordamerikas im Verein mit den USA, Erfüllung vereinbarter NATO-Verpflichtungen, gelegentliche Teilnahme an internationalen Unternehmungen zur Friedensbewahrung. Daraus wird deutlich, daß weder emotionelle Neigung noch intellektuelle Anstrengung vermocht haben, den verantwortlichen Staatsmännern in Ottawa plausible Alternativen zur bisherigen Politik vor Augen zu stellen. Bezeichnenderweise hat der Parlamentsausschuß für Auswärtiges und Verteidigung nach Monaten intensiver Studien ebenfalls empfohlen, alles im wesentlichen beim alten zu belassen. Gewiß wird es Anpassungen geben, Veränderungen auch der kanadischen Präsenz in Europa. Einen Bruch mit der Vergangenheit gibt es hingegen nicht.

Freilich, die Unruhe wird bleiben, mit der die Kanadier seit Mitte der sechziger Jahre in die Zukunft blicken. Sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer alten Haut, sind sich ihrer Bestimmung nicht mehr gewiß, fühlen sich hin- und hergerissen zwischen den Verlockungen auswärtiger Politik und der Notwendigkeit der inneren Entwicklung. Hierin unterscheiden sie sich nicht im geringsten von anderen Staaten. Profilneurose, Rollenkonflikt, Identitätskrise – das sind Begriffe, die Kanadas derzeitigen Seelenzustand ebenso zutreffend bezeichnen wie den der meisten modernen Staaten.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Kanada die größte der kleinen Mächte. Es hatte sich ein Jahrhundert lang mit Englands Hilfe gegen die Vereinigten Staaten behauptet und dann die wohlwollende Unterstützung der USA benützt, um sich von der britischen Vorherrschaft zu befreien; im Gleichgewicht des "nordatlantischen Dreiecks" mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien glaubte es seine Interessen gut aufgehoben. Das Land, dessen Soldaten sich zum zweiten Male in einem europäischen Krieg geschlagen hatten, wirkte nach 1945 entscheidend beim Bau der tragenden Nachkriegsstrukturen mit. Dem Commonwealth, der NATO und der Friedensrolle der Vereinten Nationen gaben die Kanadier prägende Impulse. Kanada war ein angesehener Staat, respektiert von den Größeren, von den Kleineren nicht gefürchtet – und selber mit seiner Rolle, die lobenswerten Internationalismus glücklich mit dem eigenen Nutzen verband, durchaus zufrieden.