Von Mary Smith

Ein Seminar, das jedesmal von einer anderen – nämlich sterbenden – Person geleitet wird, veranstaltet eine Psychiatrie-Professorin für Medizinstudenten, Ärzte und Krankenschwestern an der Universitätsklinik Chikago.

Death and Dying, Tod und Sterben also, lautet das Thema des Seminars, bei dem ein unrettbar kranker Mensch hinter einer nur von einer Seite durchsichtigen Glasscheibe – der Patient sieht die Seminarteilnehmer nicht – angesichts des nahenden Todes über seine Gefühle, Hoffnungen und Ängste spricht. "Die Mitarbeit der Sterbenden an diesem Programm ist selbstverständlich freiwillig", versichert Professor Elisabeth K. Ross, "wir wollen auf diese Weise mehr über die noch wenig erforschte Psychologie des Todes erfahren."

Professor Ross interviewt den Patienten und leitet anschließend die Diskussion mit den Zuhörern. "Ich bin immer wieder erstaunt", erklärt die in der Schweiz geborene Psychiaterin, "daß so viele Ärzte und Krankenschwestern sich noch nie über das Sterben unterhalten haben. Wenn sie in das Seminar kommen, reagieren sie zunächst emotionell; viele verlassen die ersten Sitzungen vorzeitig. Diese Menschen müssen anfangs mit ihren eigenen Gefühlen im Hinblick auf den Tod ins reine kommen, ehe sie überhaupt in der Lage sind, von den Sterbenden zu lernen. Ich habe große Veränderungen in der Einstellung zum Tode bei denen erlebt, die das Seminar regelmäßig besuchen."

Die Professorin hatte mit dem Projekt vor drei Jahren begonnen, als sich vier Theologiestudenten eine Untersuchung mit dem Arbeitstitel "Der Tod als Krise im menschlichen Leben" vorgenommen hatten. Professor Ross erinnert sich: "Wir mußten ganz von vorn beginnen. Ich werde es nicht vergessen, wie ich mich zum erstenmal schüchtern einem Patienten näherte, der sehr schwer krank war. Der Mann war sehr verärgert, und sein Unmut hatte sich auf seine Umgebung übertragen – die Schwestern haßten ihn alsbald. Der Patient wollte sprechen, und als ich ihm Gelegenheit dazu gab, stellte sich der Grund seines Ärgers heraus: er hatte noch sehr viel zu sagen, aber niemand wollte sich zu ihm setzen und ihm zuhören.

Die allgemein verbreitete Angst vor dem Tod erfaßt auch Ärzte und Krankenschwestern, und das hat zur Folge, daß wir nicht mehr imstande sind, einen sterbenden Patienten als einen gewöhnlichen Menschen zu betrachten, der starke emotionelle und auch physische Bedürfnisse hat, die befriedigt sein wollen."

Mehr als 200 Patienten hat die Ärztin im Terminalstadium für das Seminar interviewt, Sterbende im Alter zwischen 16 und 90 Jahren. Für diese Kranken hatten die Gespräche eine heilsame Wirkung, und den Ärzten, Studenten und Schwestern verhalf es dazu, sich mit dem Sterben besser vertraut zu machen.