Von Ernst Weisenfeld

Paris, im April

Diesmal sind es nicht Studenten, Arbeiter und Intellektuelle, die revoltieren, sondern Handwerker und kleine Kaufleute. Der Geist des Aufruhrs hat das Lager gewechselt, aber nicht die Generation: ein Dreiundzwanzigjähriger, ein Siebenundzwanzigjähriger und ein Dreiunddreißigjähriger sind die Wortführer und Galionsfiguren der Meuterei, die sich gegen die Regierung richtet und auch gegen das Establishment in den eigenen Reihen,

Mit der Studentenrevolte vom vergangenen Mai verbindet sie noch ein anderer gemeinsamer Zug: sie haben Angst vor dem Tempo, mit dem wirtschaftlicher und technischer Fortschritt ständig neue Maßstäbe setzen, während sie auf den engen Bahnen der Überlieferung langsam dem Arbeitsprozeß zugeführt werden. Das Ganze erinnert an den Poujadismus, jene politische Bewegung des Steuerrebellen Pierre Poujade, die vor fünfzehn Jahren wie ein großes Strohfeuer im kleinen französischen Mittelstand gegen die IV. Republik aufflammte. Der Gaullismus hatte sich geschmeichelt, er habe den Poujadismus überwunden – dieser Triumph war etwas verfrüht, wie sich jetzt zeigt.

Von Poujade, dem längst vergessenen Schreibwarenhändler aus Saint-Céré, haben die neuen Meuterer einiges gelernt. Das bewies ein Angriff auf das Finanzamt in der kleinen Kreisstadt La-Tour-du-pin imRhone-Alpengebiet während der Oster-Woche, an der drei- bis viertausend Manifestanten beteiligt waren. Die Steuerakten flogen durchs Fenster, drei Tonnen davon verschwanden. Der Anführer, ein dreiundzwanzigjähriger Kaffeehausbesitzer, wurde festgenommen; das löste neue Kundgebungen aus. Die Akteure gehören zu einer "Union der Kaufleute, Handwerker und Kleinbetriebe" (UNCAP), die sich bisher als organisierter Kampfverband in Paris, ferner im Gebiet Grenoble-Lyon, im Norden zwischen Lille und Cambrai und im Süden in Toulouse mit Kundgebungen und Aktionen bemerkbar gemacht hat.

Bei den Kundgebungen tauchen Saalordner mit violetten Armbinden auf. Die Aktionen beginnen fast immer auf die gleiche Weise: eine organisierte Verkehrsstörung wird zur Quelle der Unruhe. Als aktivster Wortführer ist bisher der siebenundzwanzigjährige Bandweber Maurice Mesny aus dem kleinen Ort Dolomieu im Departement Isère hervorgetreten. Bei der Kundgebung in Paris war der Organisator und Hauptredner ein dreiundreißigjähriger Rechts- und Steuerberater namens Bernard Fauliot, der Typ des ewigen, ständig diskutierenden Studenten. Einer der Redner sagte: "Wir sind stolz, daß wir einmal Poujadisten waren und glücklich, daß wir es nicht mehr sind".

Ihre Forderungen aber lesen sich wie die aktualisierte polemische Fibel, mit der Pierre Poujade durchs Land zog – nur die Argumente; mit denen sie ihre Anschauung vertreten, sind besser geworden. Es geht um Steuerfragen, um den Wettbewerb des Einzelhandels mit den Großbetrieben und um den Versicherungsschutz für den kleinen Mittelstand. Die Steuerprobleme entstanden zum Teil aus der Mehrwertsteuer; sie verlangt von den Familienbetrieben, die früher ihre Einnahmen pauschal angeben konnten, jetzt eine so offenbar komplizierte Buchführung, daß niemand mehr damit fertig wird. Im ganzen Land mehren sich die Fälle, wo Schuster, Schneider, Elektriker und Gemischtwarenhändler ihre kleinen Läden schließen, die Geschäftslokale vermieten und sich Arbeitsplätze in der Industrie suchen.