Von German Kratochwil

Der junge Peruaner Mario Vargas Llosa zeigt eine Gesellschaft, in der die Ultima ratio Gewalt heißt. Sein erstes Buch, ein sadistisch eindringlicher Bericht über die Methoden der Entmenschung, "Die Stadt und die Hunde" (1962), machte ihn mit sechsundzwanzig Jahren berühmt. Die groben Sitten in der Kadettenanstalt "Leoncio Prado" in Lima, die er beschreibt, hat er am eigenen Leib erfahren. Diesen Bestseller im spanischen Sprachraum veröffentlichte auf Deutsch der Rowohlt Verlag; dort ist auch der zweite Roman erschienen –

Mario Vargas Llosa: "Das Grüne Haus", aus dem Spanischen von Wolfgang A. Luchting; Rowohlt Verlag, Reinbek; 434 S., 24,– DM.

Wieder bilden persönliche Erlebnisse das Material. Mehrere Jahre zählte der romantische Gymnasiast Vargas Llosa zu den Intelligenzanwärtern in der kleinen Provinzhauptstadt Piura im Norden Perus. Dort hatte einst das "Grüne Haus", ein Bordell, floriert. Die Vorgeschichte dieses Etablissements verlor sich bis in sagenhafte Gerüchte, denen er im stickigen Provinzmief des Ortes und im liderlichen Vorstadtviertel Mangacheria nachforschte. Vargas Llosa hat sich auch kurz am zweiten Handlungsort des Romans aufgehalten, im Urwaldgebiet der Amazonas-Nebenflüsse, wo die Peruaner, peinlich genug, ein Reservat für Steinzeitkultur und Conquista-Brutalität dulden.

Diese beiden Schauplätze schließen die Extreme des Landes ein. In kurzen Prosastücken wird abwechselnd aus Piura oder aus dem Urwald berichtet. Der Stimmungswert dieser Stücke, der seelische Zustand, in den sie den Leser versetzen, nicht ihr Informationswert, führt von einem Fragment zum nächsten, färbt, stimmt, temperiert das folgende.

Vargas Llosa vergleicht das Ergebnis mit dem physikalischen Vorgang der kommunizierenden Gefäße. Man käme zu anderen Empfindungen – und wüßte nicht mehr –, wenn man die Fragmente umordnete, so wie es der Argentinier Julio Cortázar den Lesern seines Romans "Rayuela" empfiehlt.

Personen sichern die Einheit dieses Mosaiks. Es werden ihre durch das Buch versprengte Geschichten ohne Rücksicht auf deren zeitlichen Ablauf mitgeteilt: romantisch, sentimental die Geschichte des Bordell-Gründers und schließlich erblindenden Spielmanngreises; die Ballade des Sargentos, der im Urwald ein trefflicher Kerl ist und in Piura einen verrohten Soldaten abgibt; die traurige Geschichte vom Indianermädchen, das entführt wird, um in einer Mission geschert, entlaust und getauft zu werden, und das im "Grünen Haus" seinen Unterhalt findet; das Ende eines Schmuggler- und Abenteurerlebens im Stromlabyrinth, mit Rückblenden auf Raubzüge, Totschlag und Geschlechtsverkehr.